Matte Kritik an äußerster Härte

20. Dezember 2005, 12:53
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In Österreich wird der "Terminator" nur von Grünen und Amnesty härter angefasst

Hinrichtungen sind für Arnold Schwarzenegger nichts Neues. Er hat bereits drei unterzeichnet. Warum ist gerade die Vollstreckung des Todesurteils am vierfachen Mörder Stanley "Tookie" Williams einige prinzipielle Überlegungen wert? Der Gouverneur hätte selbst unter dem Aspekt der kalifornischen Praxis den Weg der Begnadigung wählen können. Niemand zwingt ihn zur äußersten Härte. Außerdem hat Williams sichtbare Zeichen der Abkehr von der Gewalt gesetzt. Ob er aus Taktik oder aus Überzeugung Kinderbücher gegen Gewalt geschrieben hat, ist eine Frage, die niemand schlüssig beantworten kann.

Bei früheren Gelegenheiten hat der republikanische Gouverneur seine Ablehnungen damit begründet, dass er "dem Volk zu dienen" habe. Ein reichlich moralinsaurer Populismus. Jetzt behauptet Schwarzenegger, Williams habe seine (übrigens nie bewiesenen Morde) nicht bereut. Damit ist die Frage nach der Christlichkeit des bekennenden Katholiken zu stellen. Er habe, heißt es in seiner Stellungnahme, "keine Rechtfertigung für die Gewährung einer Begnadigung" finden können. Tatsächlich haben nicht nur Amnesty International und Persönlichkeiten wie der südafrikanische Bischof Desmond Tutu oder Menschenrechtler wie Bianca Jagger (siehe DER STANDARD vom Montag) um Gnade ersucht. Der Gouverneur hätte sowohl die ablehnende Haltung des Papstes als auch der Bischöfe seiner beiden Heimatländer zur Todesstrafe berücksichtigen müssen. Er hat es nicht getan und sich somit gegen "seine" Kirche gestellt.

Ziemlich weich ist deshalb auch die Reaktion des Grazer Diözesanbischofs Egon Kapellari, der dem STANDARD erklärt: "Wir können uns nicht jedes Mal aus Österreich melden, wenn irgendwo auf dieser Welt eine Menschenrechtsverletzung passiert." 1.) Kapellari ist für Schwarzenegger zuständig, weil dieser nach wie vor Österreicher ist. 2.) Der Gouverneur pflegt nach wie vor enge Beziehungen zur steirischen Heimat und war das Herzi-Binki der Landeshauptleute Krainer und Klasnic. 3.) Ein Bischof, der die Abtreibung strikt ablehnt, sollte dies auch in der Frage der Todesstrafe tun. Mit desto größerem Nachdruck, je mächtiger der Adressat ist. 4.) Soll die Caritas womöglich aufhören zu helfen, "wenn irgendwo auf der Welt . . ." Und so weiter.

Generell zeigt diese kirchliche Reaktion erneut eine dramatische Schwäche der katholischen Hierarchie. Zögerliche oder nur matte Kritik am Verhalten von politischen Potentaten bestärkt unter wachen Christen die Meinung, das Rückgrat der Bischöfe sei nur mäßig ausgeprägt. Der Rückgang ihres Einflusses in Europa ist die Folge.

Ähnlich mild die Position Wolfgang Schüssels. Die Forderung des Grünen-Abgeordneten Peter Pilz nach einer "Aberkennung der österreichischen Staatsbürgerschaft" sei "absurd", sagte der Kanzler. Warum eigentlich? Wenn sich Schwarzenegger, wie Freunde meinen, "in einem anderen Wertesystem" befindet, dann sollte er die Staatsbürgerschaft von sich aus zurückgeben. Man müsste darüber auf jeden Fall ernsthaft diskutieren. Und die Freunde des "Terminators": Seit wann haben die USA ein anderes Wertesystem? Ist es nicht jenes westlich-liberale, dem sich auch Österreich verpflichtet fühlt? Zahlreiche Bundesstaaten der USA erfüllen leider die notwendigen Standards der Menschenrechte nicht. Das ist die Situation.

In Graz selbst ist die Debatte um die Aberkennung der Ehrenbürgerschaft und um einen anderen Namen für das Schwarzenegger-Stadion neu entflammt. Immerhin hat der Grazer Bürgermeister Siegfried Nagl von der ÖVP sich für Williams' Begnadigung eingesetzt und sich damit deutlich von der Entscheidung des Landsmannes distanziert.

Wenn die Volkspartei und die Sozialdemokraten ihre Programme ernst nehmen, müssten sie zumindest das Stadion umbenennen. Als ein Zeichen des Protestes, um an die Stelle der Sympathie für den Aufsteiger den Wert der Ethik zu setzen. (Gerfried Sperl, DER STANDARD Printausgabe 15.12.2005)

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    Arnold Schwarzenegger hat sich gegen "seine" Kirche gestellt

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