Bosman-Urteil: "Schlimmste Katastrophe"

30. Dezember 2005, 10:58
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Zehn Jahre nach der Entscheidung des europäischen Gerichtshofs: Die Folgen und das Streben nach einem Sonderstatus

Brüssel/Wien - Die Auswirkungen sind noch heute spürbar. Das berühmte Bosman-Urteil des Europäischen Gerichtshofes vom 15. Dezember 1995 glich einem Erdbeben für den Profifußball. Es besagte, dass Transferzahlungen nach Vertragsablauf verboten und dass alle EU-Spieler gleich zu behandeln sind. Der Belgier Jean-Marc Bosman, Durchschnittsspieler beim FC Lüttich, wollte 1990 nach Vertragsende zum französischen Zweitligisten Dünkirchen wechseln. Die Belgier verlangten 800.000 Dollar Ablöse, Dünkirchen wollte nicht zahlen. Also verweigerte Lüttich Bosman die Freigabe. Er klagte gegen das faktische Berufsverbot und bekam fünf Jahre später in letzter Instanz Recht.

Hier zu Lande kam Bregenz schon völlig, kam die Austria fast ohne Österreicher aus. Am 6. April 2001 trat Energie Cottbus (gegen Wolfsburg) ohne einen Spieler an, der für das DFB-Nationalteam einsatzberechtigt gewesen wäre. In England war der FC Chelsea ohne Engländer zu sehen. Barcelona spielte 1999 mit sieben Holländern, KSK Beveren (Belgien) 2004 mit zehn Kickern von der Elfenbeinküste.

"Die Kluft zwischen Klubs wie in Österreich und der Weltklasse", sagt der designierte ÖFB-Teamchef Josef Hickersberger, "ist auf jeden Fall größer geworden." Bayern Münchens Vorstandsvorsitzender Karl-Heinz Rummenigge nennt das Bosman-Urteil "die schlimmste Katastrophe, die der Klubfußball je erlebt hat. Dabei hätte die Sache mit einem 600.000-Euro-Vergleich leicht vom Tisch kommen können." Doch die UEFA saß seinerzeit auf dem hohen Ross, sie wurde von Juristerei, Wirtschaft und Politik eines Besseren belehrt. Und auch Bosman, aufgestachelt von der Spielergewerkschaft, war am Ende zu keinem Kompromiss bereit.

Zehn Jahre nach dem Bosman-Urteil bleibt festzuhalten: Neben Stars verdienen selbst mittelmäßige Spieler Unsummen. Die Nachwuchsförderung liegt brach, weil kein Verein sicher sein kann, dass er nach vier-, fünfjährigen Investitionen auch von seiner Ausbildungsleistung profitiert. FIFA und UEFA hoffen auf einen Sonderstatus für den Fußball. William Gaillard, UEFA-Kommunikationschef: "Wir erklären den EU-Politikern, dass wir nicht als wirtschaftlich orientierte Firma gelten können, denn das Interesse eines Vereins sind Titel, nicht Gewinnmaximierung. Dass im Gegenzug die EU mehr Transparenz fordert, ist gerechtfertigt." (DER STANDARD Printausgabe 14.12.2005)

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