"L'enfant": Von denen, die nicht wegkonnten

14. Dezember 2005, 19:41
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Ein Meisterwerk des zeitgenössischen Kinos ist derzeit auch hier zu Lande zu sehen: "L'enfant" von den Brüdern Luc und Jean-Pierre Dardenne - ein Gespräch mit den belgischen Filmemachern

Wien - Die Filme der belgischen Kinoautoren Jean-Pierre und Luc Dardenne sieht man am besten ohne Inhaltsangabe. Ihre Protagonisten, wortkarge Menschen, machen sich in verödeten Stadtlandschaften und Peripherien auf Wege, auf denen ihnen an jeder Ecke etwas Neues zustoßen kann. Zum Beispiel: Ich brauche Geld, warum verkaufe ich nicht mein Baby?

L'enfant, der jüngste Spielfilm der Dardennes, heuer mit der Goldenen Palme in Cannes prämiert, entwickelt aus so einem Kurzschluss einen Thriller getriebener Körper, verschlossener Mienen und beengter, fast hoffnungsloser Verhältnisse - ohne Musik, gleichzeitig mit einem geradezu manisch suchenden Rhythmus. Entstanden ist so in einem ziemlich ärmlichen Kinojahr eines der raren stilprägenden Meisterwerke, die man gesehen haben muss.

STANDARD: Sie haben oft in Interviews erzählt, dass Ihnen die Körper und die Art der Bewegung Ihrer Schauspieler als Auswahlkriterium am wichtigsten ist. Warum?

Luc Dardenne: Wenn wir uns etwa bei L'enfant für Jérémie Renier und Déborah Fran¸cois als junges Elternpaar entschieden haben, nachdem wir eine ganz große Menge an Schauspielern angesehen hatten, dann deshalb, weil ihre Körper, ihre Gesichter am ehesten geeignet waren, diesen Figuren zu entsprechen. Natürlich bringen sie also sich selbst in den Spannungsbogen der "Erzählung" ein.

STANDARD: Wir verläuft dann die Vorbereitung auf den Dreh?

Jean-Pierre Dardenne: Sie dauert sehr lange, gut zwei Monate, wobei überhaupt nicht die Notwendigkeit besteht, dass schon gespielt wird. Viel eher geht es um das Sichbewegen, wie man umdreht, wie man läuft, ohne Druck. Wichtig ist auch die Auswahl der Kleidung: Sie hilft beim Entdecken einer Figur. Wir wollen, dass die Schauspieler in der Rolle aufgehen, dass sie sich in der Figur selbst verlieren. Am Set ist es dann so, dass wir Anweisungen geben, aber die Schauspieler einfach tun lassen, was sie wollen. Manchmal korrigieren wir, manchmal nicht. Es geht darum, einen Rhythmus zu finden, dann erst kommt die Kamera.

STANDARD: Die belgische Kleinstadt Seraing, in der Sie bevorzugt drehen - was assoziieren Sie mit ihr?

Jean-Pierre Dardenne: Wir haben dort als Teenager selbst gelebt. Es war damals eine Industriestadt - Stahl, Kohle, Maschinenbau - wohlhabend, gleichzeitig mit einer starken, politisch aktiven Arbeiterkultur. In den 70er-Jahren hat dann eine Fabrik nach der anderen zugesperrt. Die Stadt ist sehr schnell verarmt, die Leute sind fortgegangen, um zu schauen, ob es irgendwo anders besser ist. Geblieben sind die, die nicht wegkonnten.

Das war auch die Zeit, wo wir Leuten begegnet sind, die den Hauptfiguren in unseren Filmen entsprechen - einsamen, unartikulierten Menschen. Tatsächlich haben wir uns auch bei den Charakteren, die wir "erfunden" haben, nie die Frage gestellt, woher sie kommen. Es war immer völlig klar, dass sie aus Seraing kommen und dort in der Nähe des alten Bahnhofs leben.

STANDARD: Die Bewegungen und Körper in Ihren Filmen sind also an konkrete Orte, eine spezielle Zeit gebunden. Könnten Sie sich vorstellen, mit einer ähnlichen Methode einen historischen Film zu drehen?

Luc Dardenne: Wir würden dann wohl so filmen, dass ein Bezug zur Gegenwart entsteht. Wenn ein Film im 19. Jahrhundert spielt, sei es am Land, sei es in Paris, würde es uns immer wieder darum gehen, etwas in den Bewegungen der Leute und der Kamera zu finden, das einen Bezug zum Heute hat. In Kostümfilmen ist die Ausstattung meist viel zu schwer, derart erdrückend, dass das Ganze erstickt wird. Man müsste wahrscheinlich die Menschen einfach in schwarzen Räumen, am besten nackt, filmen.

STANDARD: Im Gegensatz dazu: Was bedeutet Requisite in Filmen über die Gegenwart? Wenn Sie etwa in einem früheren Film, "Rosetta", ein Mädchen in einer desolaten Wohnwagensiedlung porträtieren?

Jean-Pierre Dardenne: Wir haben uns da gar nicht so viel dabei gedacht, wir haben einfach gesucht und gefunden und Rosetta in dieses Ambiente hineingestellt. Was uns aber wichtig ist, ist die Frage: Wie gehen wir mit dem Raum, den wir da gefunden haben, um? Wir selbst verbringen sehr viel Zeit in den Räumen, in denen wir drehen werden. Und was dabei teilweise entscheidend ist: Diese Räume müssen, gerade wenn sie beengt sind, denen, die in ihnen agieren, sehr viele Zwänge auferlegen.

Wenn wir diese Zwänge mit den Darstellern verinnerlicht haben und mit ihnen umzugehen wissen, dann kommen kleine Veränderungen. Da kann es sein, dass wir weitere Grenzen, Hindernisse einbauen zwischen den Figuren, oder zwischen der Kamera und den Figuren. Der Bezug zwischen Raum und Figur muss so sein, dass er der Fiktion Widerstand leistet, dass wir nicht einfach tun können, was wir wollen.

Wir beschäftigen uns sehr mit der Frage: Was muss man verbergen, was muss man zeigen? Wenn wir wissen, was alles versteckt werden kann, dann ergibt sich etwas daraus. Ein produktives Geheimnis, etwas, wo man nicht "hineingehen" kann, das verborgen ist. Es ist immer so: Man würde gerne etwas sehen, es ist aber nicht da. Man steht als Zuschauer vor einer Mauer und ist dadurch gezwungen, sich das, was drinnen vorgeht, selbst vorzustellen.

STANDARD: Andererseits verfolgt die Kamera in Ihren Filmen die Protagonisten derart inständig, als wäre sie selbst Teil der Bedrängnis, die die Figuren in die Enge treibt. Wie würden Sie diesen Blick durch die Kamera beschreiben? Fast erinnert er an einen missgelaunten Gott.

Luc Dardenne: Einen Rachegott? (lacht)

Jean-Pierre Dardenne: Nun, wenn man an dieser Metapher festhält, dann ist es wohl ein Gott, der versucht zu verstehen, was seine Kreaturen da tun. Weil er einfach nicht mehr begreift, was da geschieht. Weil selbst für ihn, der eigentlich alles sehen kann, vieles undurchsichtig und mysteriös bleibt.

STANDARD: Wie würden Sie das Leben reicher Leute filmen?

Luc Dardenne: Wahrscheinlich auf die gleiche Weise, weil Reichtum genauso bedrückend sein kann. Es könnte durch diese spezielle Kameraführung auch ein moralische Spannung entstehen, nicht unbedingt nur das Abbild eines sozialen Drucks. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 14. 12. 2005)

Das Interview führte Claus Philipp

Zur Person

Jean-Pierre und Luc Dardenne, geboren 1951 bzw. 1954 im ehemaligen Industriegebiet der Maas in Wallonien, drehten schon früh Videoreportagen über Arbeiter, Arbeitslose und Immigranten. 1978 entstand ihr erster Dokumentarfilm Le chant du rossignol, 1987 ihr erster Spielfilm Falsch. Der Durchbruch gelingt ihnen 1996 mit La Promesse, 2002 erhielten die Brüder für das Sozialdrama Rosetta ihre erste Goldene Palme. Den Film sahen europaweit über eine Million Kinozuschauer - L'enfant, ebenfalls in Cannes prämiert, ist auf dem besten Weg, diesen Erfolg zu wiederholen.
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    Räume entdecken, Geheimnisse bewahren: Luc (links) und Jean-Pierre Dardenne im Gespräch

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