Dubravka Ugresic: Die Sterblichkeit der Gegenstände

19. Dezember 2005, 22:20
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In ihren Büchern kreist die kroatische Autorin um Fragen des Erinnerns und der gezielten Verfälschung gelebter Vergangenheit

Wien - Im Zoologischen Garten Berlins, neben dem Bassin des See-Elefanten, steht eine seltsame Vitrine. "Hier liegen unter Glas die im Magen des See-Elefanten Roland gefundenen Gegenstände, nachdem dieser am 21. August 1961 verendet war." Mit der Beschreibung der dreißig Fundstücke - "ein rosa Feuerzeug, vier Eisstiele (Holz), eine Metallbrosche in Gestalt eines Pudels . . ." - eröffnet Dubravka Ugresic ihren Roman Das Museum der bedingungslosen Kapitulation.

Der Mageninhalt des gefräßigen Zoobewohners dient der kroatischen Autorin als Motto und Anleitung zum Verständnis ihres Textes: "Übrigens sollte der Besucher jene dreißig beliebigen, in der Vitrine ausgestellten Gegenstände nicht als Rolands Biografie lesen . . . Eine solche Lesart ist erlaubt, aber sie wäre begrenzt und ungerecht."

Dubravka Ugresic' Schreiben ist stets ein solches ernsthaftes Sammeln und spielerisches Aufreihen der verschluckten Objekte ihrer Erinnerung. Einer Erinnerung, die ihr Anfang der Neunzigerjahre staatlich untersagt worden war: damals, als in der Folge des Jugoslawienkrieges die kollektive jugoslawische Identität gegen eine kroatische ausgetauscht werden sollte. Als eine staatliche Mythologie gegen eine neue ersetzt wurde.

Weil sie es 1992 wagte, sich zu erinnern und in mehreren Texten den von Tudjman installierten Nationalismus zu kritisieren, verlor die Dozentin für serbokroatische Literatur ihre Stelle an der Universität und wurde zur Zielscheibe einer medialen Hetzkampagne, die die bereits preisgekrönte Autorin ins Exil trieb. Nach Berlin, in die USA, später nach Amsterdam, wo sie heute lebt: in der Nähe Den Haags, dem Ort, an dem nun auch Ante Gotovina sich vor dem UN-Tribunal für seine Taten verantworten muss.

Seit damals sammelt sie - so beharrlich wie unaufgeregt und genäschig wie Roland, der See-Elefant - die Fundstücke einer erlebten Vergangenheit, die es so nicht gegeben haben soll. Und erbaut in ihren Texten das Museum des Verdrängten. Meist sind es die unscheinbaren Gegenstände, an denen ihr Blick hängen bleibt.

Gespaltene Zunge

In ihren Essays - etwa in Die Kultur der Lüge (1994) - wie in ihren autobiografischen Romanen folgt Dubravka Ugresic der Spur von Plastiksäcken wie den Eigentümlichkeiten jener Sprache ihrer Kindheit, die "in drei Muttersprachen aufgeteilt worden war wie ein Lindwurm mit dreifach gespaltener Zunge".

Im Grunde aber kreist sie, wie der Franzose Claude Simon, um die Frage des Erinnerns selbst. "Das Leben ist nichts anderes als ein Fotoalbum. Nur was im Album ist, existiert", zitiert sie einen Freund. Und gleich darauf eine Freundin: "Darum fotografiere ich immer nur schöne Dinge." Der Schere der Zensur im Kopf, die das Hässliche ausschneidet und den Rest zur Nostalgie verklärt, bleibt sich Dubravka Ugresic bewusst.

In ihrem jüngsten Roman Das Ministerium der Schmerzen versucht die Protagonistin Tanja, Literaturdozentin in Amsterdam wie Ugresic selbst, mit ihren Studenten, hauptsächlich Exilkroaten, wieder ein solches Experiment. Sie sammeln Erinnerungen an den versunkenen jugoslawischen Alltag. So lange, bis einer von ihnen Tanja gewalttätig mit der Tatsache konfrontiert, dass der Aufenthalt in der Vergangenheit auch nur eine Variante des Masochismus darstellt: Ministery of Pain, Ministerium der Schmerzen, heißt eine S&M-Kette in den Niederlanden, für die die Studenten Latexkleidung nähen. (Cornelia Niedermeier/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 14. 12. 2005)

Mittwoch, 19 Uhr, liest Dubravka Ugresic in der Alten Schmiede in Wien, 1., Schönlaterng. 9, aus "Das Ministerium der Schmerzen".
  • Artikelbild
    foto: jerry bauer, berlin verlag * bloomsbury berlin * kinder-& jugendbücher * bvt
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