Die "jüdische Frage"

13. Dezember 2005, 18:11
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Schüssels seltsamer Satz und ein großes "Aber" - ein Kommentar von RAU

Als der iranische Präsident Ahmadi-Nejad den Holocaust leugnete, sagte Wolfgang Schüssel einen seltsamen Satz: "Die Lösung der jüdischen Frage wird sicher nicht so stattfinden können, dass quasi eine Aussiedlung von jüdischer Bevölkerung von Israel stattfindet." Die "jüdische Frage"? Es gibt Antisemitismus, es gibt den Nahostkonflikt, aber es gibt keine "jüdische Frage" in dem Sinn, dass Juden in den Augen eines österreichischen Regierungschefs eine "Frage", ein Problem sein könnten. Schüssel hat sich schlecht ausgedrückt.

Er verwendete allerdings ein Denkmuster, das im Milieu mancher christlich-sozialer, christlich-nationaler Kreise vorherrschend war und ist. Es weist darauf hin, dass Schüssel relativ wenig Sensibilität, wenig Empathie gegenüber dem jüdischen Schicksal empfindet.

Aber, und dieses "Aber" ist sehr groß, er hat gehandelt. Er hat eine große Entschädigungsleistung durchgesetzt, die soeben zum Abschluss kommt. Er tat es rational, weil er wusste, dass Österreich, besonders in dieser Koalition, nicht mauern konnte (wie die Schweiz). Aber er tat es, auch gegen Widerstand der eigenen Basis. Das nimmt ihm niemand weg. Der Rest gehört ins Reich der persönlichen Sensibilität. (DER STANDARD, Printausgabe 14.12.2005)

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