Die Nackte im Bade

14. Dezember 2005, 19:41
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Manchmal können Männer mit weiblicher Nacktheit gar nicht richtig umgehen

Es war auch gestern. Aber vermutlich stehen ein paar meiner Sportkameraden immer noch am Fenster. Oder würden dort stehen, wenn das Fitnesscenter nicht irgendwann doch zusperren würde. Aber weil heute ja auch noch ein Tag ist, wird sich die junge Dame wohl auch heute wieder waschen. Und zwar so, dass wir ihr dabei zusehen müssen.

Die Herren-Umkleideräume meines Fitnesscenters gehen nämlich auf einen Innenhof. Auf der anderen Seite des Hofes wohnen Menschen. Vor allem ältere Ehepaare. Und die Badezimmerfenster der Wohnungen gehen in den Hof.

Verschwommene Sicht

Früher – vor dem Fitnesscenter war hier eine Fabrik oder so etwas Ähnliches im Hintertrakt angesiedelt – war dieses Badezimmer nicht nur mit buckeligem Glas befenstert. Dort, wo das Waschbecken hängt, hing auch eine Rollo. Jahrelang. Also auch, seit wir hier turnen und duschen. Und damit war die Sache für alle Beteiligten ausdiskutiert.

Aber seit etwa einem Monat – jedenfalls fiel es da das erste Mal im Umkleideraum auf – ist die Rollo weg. Auch das Licht im Badezimmer ist anders. Heller. Wärmer. Aber eigentlich wäre uns auch das egal gewesen, wenn dann nicht die junge Frau das Fenster aufgemacht hätte. Und herübergewunken hätte.

Oben ohne

Sie war hübsch. Blond. Und oben ohne. Das ist ihr gutes Recht. Ist ja schließlich ihr Bad. Allerdings fiel rasch auf, dass sie sehr oft, sehr lange und sehr demonstrativ nackt in ihrem Bad der Hygiene huldigt. Und auch wenn ich kein Experte bin, scheint es mir doch fraglich, ob eine Frau ihre Brüste innerhalb jener zweieinhalb Stunden, die ich etwa gestern im Fitnesscenter zubrachte (der Cardiobereich ist genau über den Herrenumkleideräumen – der Blick auf das Bad bleibt gleich) tatsächlich vier Mal im Bade ausführlich pflegen, eincremen und dann (zum Fenster gewandt) in einen BH stopfen muss.

Außerdem leuchtet mir nicht ganz ein, wieso dazu jedes Mal das Fenster mehrmals geöffnet und geschlossen werden, und zu guter Letzt quer über den Hof gewunken werden muss. Aber zum einen geht mich das ja nichts an. Und ist zum anderen wohl Zufall. Und es liegt nicht in der Absicht der jungen (und – das ist nicht zu übersehen – mit einem Männerphantasie-Busen gesegneten) Dame, mich und meinesgleichen am Laufband ins Stolpern zu bringen. Zum Glück kann man mit dem Hometrainer nirgendwo anfahren sonst hätte es da gestern einen Massensturz gegeben – und auch ein paar Damen wären da aktiv drin verwickelt gewesen.

Duschgespräch

Natürlich wird über die hübsche Nackte geredet. In der Dusche (also unter Männern) genauso wie an der Rezeption (also gemischt). Und natürlich hat irgendwer gemeint, wir müssten ja nicht quer über den Hof gaffen. Aber so spannend, dass man dann nicht doch rüberschaut, wenn gegenüber gecremt und gewunken wird, ist das ewig gleiche MTViva-Fernsehprogramm halt auch nicht. Aber komischerweise wurde nicht einmal in der Herrendusche zotig geflachst oder sonst wie männerherrlich gealbert.

Die halbnackte Cremerin, war man sich einig, nervt nämlich. Sei geradezu eine Belästigung. Obwohl sie in ihrer Wohnung natürlich tun uns lassen könne, was und wie sie wolle. Das sahen dann auch die Fitnesscenter-Rezeptionsmädels so: Sie verstünden ja, dass es einem (oder einer) mitunter egal sein könne, bei der Körperpflege beobachte zu werden – aber irgendwie wirke das Schauspiel von gegenüber fast wie Besessenheit.

Spannervorwurf

Einer der (nebenbei: deklariert schwulen, aber das ist eigentlich egal) Männer erzählte, dass er die junge Dame neulich vor dem Haus auf der Gasse gesehen und gegrüßt habe. Das sei mehr ein Grüß-Reflex als ein bewusstes Wir-kennen-uns-so-gut-Hallo gewesen. Die Frau, erzählte der Mann, habe ihn angepfaucht: Er solle sie gefälligst in Ruhe lassen. Sie habe es satt, ständig mit Blicken belästigt und ausgezogen zu werden. Männer wie er seien das Letzte. Dann sei die Haustür knallend zugefallen.

Wenige Minuten später, erzählte der Mann, sei er im Umkleideraum gewesen. Gegenüber, im Bad zum Hofes, ging das Licht an. Die junge Frau betrat das Badezimmer, zog ihre Bluse aus und öffnete das Fenster. Und bevor sie den BH abstreifte hat sie ihm über den Hof dann zugewinkt.

  • Von Montag bis Freitag täglich eine Stadtgeschichte
von Thomas Rottenberg

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"Wiener Stadtgeschichten" mit Illustrationen von Andrea Satrapa-Binder, Echomedia Verlag Ges.m.b.H., ISBN 3-901761-29-2, 14,90 Euro.

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