Der Gesellschaft kommt ihr sozialer "Kitt" abhanden

20. Dezember 2005, 12:33
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"Soziale Klimastudie": Individuelle Bindungen und gewachsene kulturelle Beziehungsfelder durch Globalisierung gefährdet

Wien/Klagenfurt - Da hilft all die friedliche Adventstimmung nichts: Laut einer "sozialen Klimastudie" des Humaninstituts Klagenfurt kommt der Gesellschaft ihr sozialer "Kitt" zunehmend abhanden. Soll heißen: Individuelle Bindungen und gewachsene kulturelle Beziehungsfelder sind durch die Globalisierung "psychohygienisch in besonderer Weise dynamisiert worden" und somit vom Verschwinden bedroht.

"Zuerst brennt die Seele, dann brennen die Autos", umschrieb Franz Witzeling, Leiter des Humaninstituts, die gesellschaftlichen Zerfallserscheinungen anhand der gewaltsamen Jugendkrawalle in den Banlieus von Paris. Die Ergebnisse der Studie bestätigen die Meinung des Forschers. Demnach fördere die Familie das soziale Potenzial von Kindern immer noch am meisten, die Schule hingegen am wenigsten.

Kein positives soziales Klima

Die Mehrheit der Befragten (nämlich 42 Prozent) antworteten auf die Frage, ob in Österreich genügend positives soziales Klima vorhanden sei, um ähnliche Ausschreitungen wie jene in Frankreich zu verhindern, mit Nein. Interessant auch, wie das so spendenfreudige Österreich über Wohltätigkeitsveranstaltungen und Charity-Events denkt: 55 Prozent sind der Ansicht, dass diese für den Grad an Menschlichkeit in der Gesellschaft gar keine Bedeutung hat.

Eine klare Mehrheit (65 Prozent) sieht Zukunftsängste und spontane Gewaltbereitschaft in manchen Jugend-Kreisen als Zeichen für einen Mangel an Sicherheit und Geborgenheit. Soziales Kapital anreichern könne man laut Umfrage am besten durch das Kultivieren von echten Freundschaften, am wenigsten übrigens durch das Respektieren unterschiedlicher kultureller Identitäten.

Mangelware "Nestwärme"

Fazit von Ernst Gehmacher, Geschäftsführer des Meinungsforschungsinstitutes IFES: "Die alten sozialen Bindungen zerbrechen schön langsam, lösen sich auf. Die Folge ist Isolation. Unsere Gesellschaft ist total auf Leidvermeidung konzentriert - und zerstören dadurch Glück." Soziale, emotionale "Nestwärme" werde zunehmend zur Mangelware. Ein laut Witzeling optimaler Lösungsansatz wäre eine Totalreform des Schulsystems. (APA)

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