Lippen-Piercings: Modisch, aber schlecht für das Zahnfleisch

20. Dezember 2005, 12:27
11 Postings

Wiener Zahnärzte: Studie zeigt hohe Komplikationsraten - Leichte bis massive Schäden bei 72 Prozent der Testteilnehmer

Wien - Lippen-Piercings schädigen laut einer Studie der Wiener Universitäts-Zahnklinik zu einem hohen Prozentsatz das Zahnfleisch. Die Zähne selbst tragen offenbar keine oder nur minimale Veränderungen davon, hieß es am Dienstag in einer Aussendung der Medizinischen Universität Wien.

Body-Piercing nimmt unter Jugendlichen und jungen Erwachsenen in allen sozialen Schichten an Popularität zu. Studien in den USA ergaben, dass etwa 50 Prozent der Zwölf- bis 21-Jährigen gepierct sind. Komplikationen und Nebenwirkungen bei allen Arten von Piercings sind häufig. Bis zu 70 Prozent dieser Patienten berichten von lokalen Infektionen und Hautirritationen, Blutungen (30 Prozent), allergischen Reaktionen (26 Prozent) und Hämatomen (19 Prozent).

Komplikationen

Orale Piercings werden meistens an Lippen, Lippenbändchen, Zunge oder Wange gesetzt. In der zahnmedizinischen Fachliteratur findet man ebenfalls eine Vielzahl von Berichten über Komplikationen. Man kann sie in akute, also kurzfristig nach dem Setzen des Piercings auftretende, und langfristige Komplikationen unterscheiden.

Die am häufigsten beschriebenen akuten Komplikationen sind direkt nach dem Setzen des Piercings auftretende Schwellungen sowie Probleme beim Schlucken, Sprechen und Kauen. Eher selten werden lang anhaltende Blutungen, schwerwiegende Infektionen oder postoperative Sensibilitätsstörungen beschrieben. Zu den langfristigen Nebenwirkungen zählen Allergien, Schäden an den Zähnen sowie am Zahnfleisch.

An der Bernhard-Gottlieb-Universitätszahnklinik (Medizinische Universität Wien), Abteilung für Parodontologie und Prophylaxe, wurde jetzt eine Studie zu den langfristigen Auswirkungen von Unterlippen-Piercings auf Zähne und Zahnfleisch durchgeführt. Dazu wurden 100 Personen im Alter von 14 bis 28 Jahren im Hinblick auf Schäden an Zähnen und Zahnfleisch untersucht.

Leichte bis massive Schäden bei 72 Prozent der Testteilnehmer

Eine detaillierte Untersuchung wurde mit kalibrierten Messsonden und Röntgenbildern durchgeführt. Bei 72 Prozent der 50 Testpatienten zeigte das Zahnfleisch leichte bis massive Schäden durch das Unterlippen-Piercing. Im Vergleich dazu zeigten nur vier Prozent der Kontrollpatienten ohne Metall-Schmuck minimale Zahnfleischveränderungen (statistisch signifikant). Beim Großteil der Testpatienten ist das Zahnfleisch an der Stelle, wo der Verschluss des Piercings auf das Zahnfleisch auftrifft, um einige Millimeter zurückgegangen, so dass die darunter liegende Zahnwurzel frei liegt.

Einige Patienten (vier Prozent) zeigten sogar eine Schädigung und Entzündung des darunter liegenden Knochens. Die Zähne selbst hatten minimale bis keine Schäden. Ob das Zahnfleisch durch das Piercing geschädigt wird, hängt vor allem davon ab, wo der Verschluss des Piercings zu liegen kommt.

Gefährlich: Piercing berührt das Zahnfleisch

Liegt er auf Höhe der Zahnkrone, wird das Zahnfleisch nicht beeinträchtigt. Drückt der Verschluss jedoch auf das Zahnfleisch, so zieht es sich an dieser Stelle zurück. Diese Schäden können nur nach Entfernung des Piercings mit ein bis zwei Operationen behoben werden. Dabei wird vom Gaumen Zahnfleisch entnommen und auf die freiliegende Wurzel transplantiert.

Der Rat der Experten: Wenn ein Lippenpiercing gesetzt wird, sollte der Verschluss an der Lippeninnenseite nicht auf das Zahnfleisch drücken, sondern auf Höhe der Zahnkronen auftreffen. Außerdem scheinen Kunststoffverschlüsse weniger schädigend zu sein als Metallverschlüsse. Eine jährliche Kontrolle durch den Zahnarzt wäre auf jeden Fall zu empfehlen. (APA)

Share if you care.