Das Vorurteil, kein Vorurteil zu haben

13. Juli 2006, 17:19
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David Schildknecht, seit 2005 bei Robert Parkers „The Wine Advocate“ für Deutschland und Österreich zuständig, im Gespräch mit Luzia Schrampf

Luzia Schrampf: Grüner Veltliner ist derzeit dabei eine Weltkarriere zu machen. Angeblich kommt keines der Toprestaurants der USA mehr ohne ihn aus. Wie präsent ist österreichischer Wein wirklich?

David Schildknecht: In den bekanntesten Toprestaurants der großen Städte ist österreichischer Wein schon seit fünf bis sieben Jahren präsent. Alle, Österreicher, aber auch Deutsche oder Franzosen, schauen immer was in San Fransisco, New York oder Chicago los ist. Interessanter ist die Entwicklung in den USA insgesamt. Ich wohne im Mittelwesten dreieinhalb Stunden von Chicago entfernt, im Hinterland, wo nur wenige Touristen hinkommen. Wir haben hier wunderbare Restaurants, die aber nicht den Takt vor für das ganze Land vorgeben. Aber auch hier findet man seit drei, vier Jahren zumindest einen guten Grünen Veltliner oder einen österreichischen Riesling auf der Karte. Dass diese Weine hier akzeptiert werden, halte ich für wichtiger, als das, was im Glashaus New York oder San Fransisco passiert.

Schrampf: Sie sprechen von Grünen Veltliner und Riesling....

Schildknecht: Ja. Aber interessant ist, wie die Rotweine an Präsenz gewinnen. Und da gibt es viel mehr Konkurrenz aus aller Welt. Aber ich denke, es müsste Ansatzpunkte für Zweigelt und Blaufränkisch geben, weil diese Sorten - so wie Grüner Veltliner - völlig andersartig sind nach amerikanischen Begriffen.

Schrampf: Hier in Europa wird Amerika mit einem Weinstil in Verbindung gebracht, der hoch im Alkohol ist, sehr dicht und üppige Fruchtaromen hat. Und dem entspricht ja z.B. Blaufränkisch mit meist schlankeren fruchtig-erdigen Noten nicht gerade. Gab es einen Geschmackswandel oder ist dieses Vorurteil nicht richtig?

Schildknecht: Ich denke die stilistische Vielfalt im amerikanischen Geschmack wird oftmals unterschätzt, ganz bestimmt von Journalisten und Zeitschriften. In verdeckten Verkostungen oder im Journalismus über Weine aus aller Welt gibt es natürlich einen Hang zu Weinen, die kräftiger sind, die dicker sind, mehr Farbe haben. Aber Weine mit weniger Alkohol, Weine mit Säure, das läuft auch in letzter Zeit. Dazu muss ich auch sagen, dass manche Winzer in Österreich auf diesen früheren Trend zu üppigen Weinen aufgesprungen sind, vielleicht zu ihren eigenen Nachteil. Vor vier, fünf, sechs Jahren wurde sehr viel mit neuen Holzfässer und Überextrahierung und allem möglichen gearbeitet, sodass man oft das Gefühl hatte, als wäre man in Kalifornien vor zwanzig Jahren. Aber genau das ändert sich in Österreich in Bezug auf Stilistik. Bei Weißweinen gibt es einerseits noch Nachfrage nach ganz kräftigen üppigen Chardonnay- und Weißburgunder-Typen, andererseits interessiert man sich für deutschen Riesling mit sieben oder acht Prozent Alkohol.

Schrampf: Inwiefern wird die österreichische Rebsortenvielfalt wahrgenommen?

Schildknecht: Für so manchen steirischen Wein (Sauvignon Blanc und Morillon, Anm.) ist es schwierig, in den Export zu kommen, weil einfach wenig da ist. Und es ist eine Frage des Preises. Es gibt nur wenige Betriebe in der Steiermark, die bereit wären ihre Preise zugunsten eines amerikanischen Importeurs zu senken. Es lohnt sich für sie nicht, weil sie die Mengen nicht haben, um diese Preissenkung zu kompensieren.

Dagegen steht eine riesige Menge an Grünem Veltliner, wenn man zum Beispiel an die Winzergenossenschaften denkt oder an die mittelgroßen Betriebe im Weinviertel. Das Weinviertel wird erst jetzt entdeckt, weil man nicht immer den Preis zahlen kann, der im Kamptal oder der Wachau verlangt wird. Und dazu kommt auch die Stilvielfalt: Grüner Veltliner kann im leichten Bereich einen wunderschönen Wein geben, aber auch im sehr kräftigen. Mit Chardonnay oder Sauvignon Blanc ist so etwas undenkbar. Mit Riesling geht es dagegen schon.

Schrampf: In einem deutschen Internet-Weinportal jubelte man kürzlich über einen „Stilwechsel bei Parker“ bezüglich Rieslingen: Seit Sie mitarbeiten, werde trockener Riesling mehr geschätzt?

Schildknecht: Mein Vorgänger hat sich auf Weine konzentriert, die in den USA in größerer Menge zu haben waren. Ich möchte einen Überblick geben, über das, was gewachsen ist, vor allem bei den besten Weingütern. Doch bedeutet diese umfangreichere Art der Reportage für den „Wine Advocate“ schon ein Wagnis. Es kann auch passieren, dass es in meinen Beschreibungen einen Anteil von 20 bis 25 Prozent an Weinen gibt, die am amerikanischen Markt nicht vorkommen. Aber ich denke, wenn man darüber schreibt, wird das Interesse schon wachsen.

Trockene deutsche Weißweinen sind seit langem präsent. Und es gibt in den USA immer noch eine große Stammkundschaft für deutschen Wein, die den traditionellen Stil mit Restsüße schätzt. In den Programmen der wichtigsten Importeur gibt es heute viel mehr trockene Weine als noch vor zehn Jahren, rein statistisch gesehen. Mein Vorurteil gegenüber deutschem Wein ist, dass man keine Vorurteile haben darf. Es gibt dort diese Möglichkeit, wunderbare Weine mit dezenter Restsüße zu machen. Dafür hat man beispielsweise in Österreich wenig Talent. Für mich ist das einmalig für Deutschland und das sollte man beibehalten.

Die Situation bei Weißweinen ist ähnlich. Es gibt immer noch Nachfrage nach ganz kräftigen üppigen Chardonnay- und Weißburgunder-Typen von den besten Weingütern in Sonoma oder Santa Barbara oder sonst wo her in Kalifornien. Auf der anderen Seite gibt es auch Interesse an deutschem Riesling mit sieben oder acht Prozent Alkohol, vor allem, wenn man sieht, was in den Restaurants glasweise ausgeschenkt wird.

Schrampf: Wo liegen Stärken, wo die Knackpunkte beim österreichischen Wein?

Schildknecht: Stärken sind Rebsorten wie vor allem der Grüne Veltliner und und Regionen wie Kamptal, Kremstal und Wachau, die ihren Ruf aber auch halten müssen. Es wird spannend zu sehen, ob für Zweigelt und Blaufränkisch auch Interesse als Rebsorten geweckt werden kann. Es gibt immer noch Vorurteile über österreichischen Rotweinen. Aber irgendwann einmal kommt man zu einem Punkt kommt, an dem man sich fragt, was gibt es Neues.

Schrampf: Was ist mit Süßweinen?

Schildknecht: Das Problem mit burgenländischem Süßwein ist das nämliche wie mit französischen Süßweinen von der Loire aus Chenin Blanc: Man findet wunderbare Weine zu einem guten Preis. Aber man kann nur winzigste Mengen davon verkaufen. Es gibt hier in Amerika keine Tradition, Süßweine zu trinken. In Kombination mit einem Dessert hat man dann nur in einem von zehn Fällen tatsächlich das Glück, dass es auch tatsächlich passt. Man müsste diese Weine in anderen Zusammenhängen mit viel mehr Zeit, mit Käse oder als Aperitif versuchen.

Eine aus Platzgründen gekürzte Version dieses Gesprächs erschien am 2. Dezember in der "Süddeutschen Zeitung".

Zur Person:

David Schildknecht ist seit heuer Mitarbeiter von Robert Parker jr, des einflussreichsten Weinkritikers der Welt und bearbeitet im Wine Advocate Deutschland und Österreich.

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