Wo Computer den Nothelfern helfen

14. Dezember 2005, 09:27
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In der Lebig-Notrufzentrale in Tulln steht modernstes Datenbankenmanagement im Dienste des Patienten - doch gerade das Neue an der Sache weckt auch Misstrauen

Tulln, 15:35:55: Bei der niederösterreichischen Rettungsleitstelle "Lebig" (Leitstellen-Entwicklungs-, Betriebs und Integrationsgesellschaft) geht ein Notruf ein. Einer von 700 die pro Tag - fast 250.000 pro Jahr: Das Lebig-System, das alle Notfälle in Niederösterreich koordiniert und dabei 157 Dienststellen mit 710 Einsatzfahrzeugen mit Informationen versorgt, ist eine der modernsten Leitstellen der Welt.

15:36:55: Der Operator am Telefon hat alle relevanten Daten erfasst und übergibt den Auftrag an den so genannten Disponenten, der das geeignete Rettungsfahrzeug aussucht und losschickt. Bei der Auswahl hilft der Computer. Kern des Leitstellennetzwerks ist eine mächtige Datenbank.Alle sechs Lebig-Standorte in Niederösterreich greifen auf die gleichen Daten zu. Sollte eine Leitstelle ausfallen, kann eine andere binnen Sekunden übernehmen. Die Computer in Wien erfassen alle Daten, freie Rettungswägen und deren Standorte, die Aufzeichnungen aller Telefongespräche. Das schafft Rechtssicherheit.

Fehlerquelle Mensch

In der Vergangenheit war die Lebig öfters in die Kritik geraten, weil Rettungswägen mit Verspätung oder gar nicht eingetroffen waren. "Wir hatten zwei Fälle von menschlichem Versagen", sagt Stefan Spielbichler von der Lebig-Öffentlichkeitsarbeit.

15:37:26: Der Disponent hat einen Notarztwagen alarmiert. Über Funk, Pager und Handy teilt er den Rettungskräften Typ und Grad der Verletzung mit. "Wir haben ein Code-System, das 483 verschiedene Typen von Verletzungen und Krankheiten aufweist", erklärt Spielbichler.

Dieser Notfall hat der Code 32-D1. Das bedeutet, dass es keine genauen Informationen über die Art der Erkrankung gibt, vermutlich aber Lebensgefahr besteht. Die einheitlichen Codes werden über das "Brett" ermittelt. Das "Brett" besteht aus einer Reihe von Karteikarten, die so angeordnet sind, dass man sie sehr schnell heraussuchen kann.

Erste Diagnose

Der Operator, der den Notruf entgegennahm, konnte anhand der fest formulierten Fragen eine erste Diagnose stellen. So soll verhindert werden, dass auch in großer Hektik wichtige Informationen übersehen werden, doch dies stieß in der Vergangenheit oft auf Unverständnis.

15:40:40: Der Notarzt hat die angegebene Adresse erreicht. Vom Notruf bis zum Eintreffen des Notarztes sind genau vier Minuten und 45 Sekunden vergangen. Zehneinhalb Minuten braucht in Niederösterreich eine Rettung im Durchschnitt, bis zum Einsatzort. Der Europa-Schnitt liegt bei rund 14 Minuten. Die Rettungssanis haben auf dem "Brett" vorgeschriebene Erste-Hilfemaßnahmen, die sie per Telefon an den Anrufer weitergeben können.

16:00:00: Der Notarzt meldet den Tod des Patienten. Manchmal reicht auch die schnellste Rettungsleitung nicht aus. (DER STANDARD-Printausgabe 13.12.2005)

Florian Ranner
  • Vom Notruf bis zum Eintreffen des Rettungswagens in durchschnittlich zehneinhalb Minuten. Bei Lebig ist man schneller unterwegs als im Europadurchschnitt mit 14 Minuten.
    foto: lebig

    Vom Notruf bis zum Eintreffen des Rettungswagens in durchschnittlich zehneinhalb Minuten. Bei Lebig ist man schneller unterwegs als im Europadurchschnitt mit 14 Minuten.

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