Mit Schaum gegen die "Apokalypse"

12. Dezember 2005, 20:42
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Nur mühsam bekommen die britischen Feuerwehren den größten Brand des Landes seit dem 2.Weltkrieg unter Kontrolle

Eine ölige Rauchwolke steht über der Themse, in alle Richtungen ziehen schwarze Schwaden, voll nervöser Anspannung lauschen die Menschen dem Wetterbericht. Von Norden her zieht ein schwaches Tief heran. Sobald es zu nieseln beginnt, droht saurer Regen zu fallen, drohen Millionen Liter verbrannten Benzins als schmierige Tropfen auf das Häusermeer niederzugehen. London am Montag, eine Stadt in akuter Sorge.

Am Rande der Metropole lodert immer noch einer der größten Brände Europas seit dem Zweiten Weltkrieg. Der Brand, der am Sonntagmorgen aus noch ungeklärter Ursache in einem Tanklager bei Hemel Hempstead ausgebrochen war, konnte zunächst nur teilweise gelöscht werden. Erst in zehn der rund zwanzig betroffenen Tanks hatte die Feuerwehr die Lage am Nachmittag halbwegs unter Kontrolle.

Britische Zeitungen schrieben von "Black Sunday", von einem "Blick in die Hölle", von der "Wolke des Jüngsten Gerichts". Die Explosion, die das Benzindepot Buncefield nahezu vollständig verwüstete, war so heftig, dass Messgeräte in der Nähe der Unglücksstelle ein Erdbeben registrierten - immerhin 4,2 auf der Richterskala.

"Apokalypse"

Selbst Roy Wilsher, der sachlich-nüchterne Feuerwehrchef der Grafschaft Hertfordshire, fand nur das Wort "Apokalypse", um das Ausmaß der Katastrophe zu beschreiben. "Wir betreten Terra incognita, unbekanntes Gebiet", stöhnte er über die Katastrophe, bei der mindestens 42 Menschen verletzt worden sind.

Erst Montagmittag konnten Löschtrupps damit beginnen, einen Schaumteppich über die brennenden Tanks zu legen, in der Hoffnung, das Feuer bald zu ersticken. 250.000 Liter Konzentrat des Löschschaums wurden zur Unglücksstelle gebracht. Zusätzlich wurden pro Minute 32.000 Liter Wasser in das Inferno versprüht. Das Problem bei Bränden dieser Art ist nämlich, dass nicht nur die Flüssigkeit selbst brennt, sondern, dass sich auch die durch die Hitze aufsteigenden Dämpfe immer wieder entzünden können. Ziel ist es daher, die brennenden Tanks zu kühlen und die Sauerstoffzufuhr abzuschneiden.

Spekulationen

Über die Ursache der Katastrophe kann vorerst nur spekuliert werden. Die britischen Behörden gehen weiterhin von einem Unfall aus und dementieren jeden Hinweis auf einen Terroranschlag, auch wenn erst vergangene Woche im Internet eine angeblich von Al-Kaida stammende Videobotschaft auftauchte, die Anschläge auf Tanklager gefordert haben soll.

Die Bewohner in weitem Umkreis werden noch Tage an den akuten Folgen leiden. Die Behörden forderten sie auf, zu Hause zu bleiben und Türen und Fenster geschlossen zu halten. An vielen Schulen in Hemel Hempstead und rings um die Kleinstadt fiel der Unterricht aus. Der rußige Rauch könnte gefährliche Substanzen enthalten, giftige Chemikalien ebenso wie Kohlenmonoxid, warnte Warren Lenney, ein Mediziner der britischen Lungenstiftung. Rußpartikel zu inhalieren, fügte der Professor mit landestypischem Understatement hinzu, "könnte unangenehm sein". (DER STANDARD-Printausgabe 13.12.2005)

Frank Herrmann aus London
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    Schutzmasken sollen die Polizisten vor dem giftigen Rauch schützen, der aus dem brennenden Tanklager bei London strömt

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