Literarische Ausflüge ins "andere Kärnten"

19. Dezember 2005, 22:19
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Lesemarathon in Klagenfurt mit 13 Autoren

Klagenfurt - "Kärnten - unter anderem" war das Motto einer Veranstaltung im ausverkauften Stadttheater: 13 Kärntner Autoren ließen in einem ungewöhnlichen Lesemarathon ihren ganz persönlichen Gedanken zu einem Land der Widersprüchlichkeiten und Unausgewogenheiten freien Lauf, einem Land, dem laut Moderator Klaus Amann die Volkskultur mit Goldhauben, Dirndln und Schärpen großzügigste Zuwendungen aus dem Kulturbudget wert sei, während die gesamte Literaturszene des Landes mit den Karl-May-Festspielen auf vergleichbarem Förderungsniveau liege.

Mit tiefsinnigem Humor räsonierte Alois Brandstetter über die heimische und die Wiener Küche, großartig seine Paraphrase über die "Saure Kärntner Suppe". Antonio Fian verwies mit seinem "traurigen Fußballgedicht" auf die existenziellen Zusammenhänge von Kunst und Sport, die Kärntner Seele legte er im folgenden "sportlichen" Gedicht im Strandbad Klagenfurt bloß. Egyd Gstättner ließ sein "Mädchen im See" pointiert den Tod durch Ertrinken erleiden. Alois Hotschnig beschrieb einen "Suchenden" im mehrdeutigen Stil eines Paul Auster.

Mit einer amüsant-grotesken Reform des Bestattungswesens legte Gert Jonke dem anwesenden Intendanten das "Bespielen" eines Friedhofs nahe. Werner Kofler brachte die ersten, unappetitlichen Schritte eines höchst angesehenen Karrieristen, der unterdessen internationale künstlerische Weihen genießt, hintergründig und schonungslos zutage.

Bewegend schilderte Andrej Kokot die Deportation seiner slowenischen Familie. Jörg Haiders enge arabische Verflechtungen nahm Lydia Mischkulnig zum Anlass, über "Heimat" zu reflektieren. Engelbert Obernosterer setzte den naiv bigotten bäuerlichen Alltag mit der Enge "seines" Lesachtals in Verbindung. Jani Oswald vermischte in seinen Gedichten slowenische und "kärntnerische" Sprachsilben und Wörter zu Jandl'schen Satzgebilden. Anna Sterns "Mundart", Peter Truschners vermeintliche Idylle und Robert Woelfls Bosheiten "Hitler am Faaker See" bewiesen die schmerzhafte Zuneigung zu einem Land der nicht nur politisch-gesellschaftlichen Gegensätze. (DER STANDARD, Printausgabe, 13.12.2005)

Von Bernhard Bayer
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