Ausstellungen: Zehn Kilometer von Ost nach West

13. Dezember 2005, 10:49
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Zwei Architekturausstellungen in Wien

Wien - Wenn man eine Galerie betritt, dann erwartet man sich meistens schöne Bilder an schönen Wänden. Im Falle einer Architekturausstellung sind es dann schöne Modelle auf schönen Podesten. Ganz gewiss rechnet man aber nicht damit, über Stahlgerüste und quer gespannte Infusionsschläuche steigen zu müssen.

Doch keine Sorge, was sich wie ein medizinisches Fiasko anhört, ist in Wirklichkeit die Ausstellung AustriArchitektur, die nach Berlin nun Wien angesteuert hat. Kuratorin Lilli Hollein zeigt "Sieben Debüts aus Österreich" - so der Untertitel der kleinen, aber feinen Schau. Hollein: "Eine klassische Projektausstellung kann man jederzeit machen, doch ich wollte jene wertvolle und kurz andauernde Etappe aufzeigen, die vor diesem Schritt in die Realität stattfindet."

Hier werden dem Publikum ganz individuelle und persönliche Zugänge zur Architektur präsentiert. Lorenz Potocnik beispielsweise implantiert eine verkleinerte Nachbildung seines Wohnzimmers in den Ausstellungsraum. Siebbedruckt und aufkaschiert sieht man des Architekten Bücherregale, bekommt Einblick in seinen Kleiderkasten, sieht man selbst das Bett und darf zu guter Letzt auch noch in seinem persönlichen Notizbuch schmökern. Exhibitionismus oder humorvolles Umdenken? "Bei großen Meistern der Architektur wird dieser Privatvoyeurismus gewürdigt, ja nahezu verlangt", erklärt die Kuratorin, "warum also nicht auch früher?" Irgendwo hat sich sogar eine kleine Lade mit persönlichen Gegenständen des Architekten versteckt - ein Freibrief für Diebstahl? Das nennt sich dann wohl Interaktion.

Die restlichen Beiträge von raumhochrosen, touzimsky+ herold, synn, span und des poolbar-Festivals werden von einem Ausstellungskonzept aus der Feder von heri&salli, die übrigens auch selbst exponieren, zusammengefasst. Ein sperriges Stahlgerüst mit bespannten Schnüren schafft die unterschiedlichen Raumkojen, in denen sich jedes einzelne Büro nach Belieben präsentieren kann. Was auf den ersten Blick wie ein überdimensionaler Gartenstuhl aus den Fünfzigerjahren aussieht - Sie wissen schon, der mit den färbig umwickelten Gummischnüren - entpuppt sich letzten Endes als handelsüblicher Infusionsschlauch, der eigens rot eingefärbt wurde. Davon nicht wenig, nämlich zehn Kilometer, wurden insgesamt verwickelt.

Nicht ganz so weit davon entfernt, harrt das Semperdepot, in dem noch bis kommenden Samstag die Wanderausstellung Austria West zu sehen ist. Über 70 Projekte von insgesamt 26 Architekten aus Tirol und Vorarlberg werden auf riesigen, aber niedrigen Stahltischen gezeigt und bieten einen Überblick über das außergewöhnliche Schaffen in der titelgebenden Himmelsrichtung dieses Landes.

"Die westösterreichische Architektur zählt heute zu den lokalen Baukultur-Landschaften mit der größten internationalen Durchschlagskraft in Europa", so Kuratorin Liesbeth Wachter-Böhm, "es gibt sicher nur wenige Regionen, die eine vergleichbare Dichte und Intensität architektonischer Äußerungen vorweisen können." Den Abschluss bildet nächstes Wochenende eine große Finissage mit den präsentierenden Architekten. (DER STANDARD, Printausgabe, 13.12.2005)

Von Wojciech Czaja


"AustriArchitektur - Sieben Debüts aus Österreich"
zu sehen im Lichtforum Zumtobel Staff
Jasomirgottstraße 3-5
bis 23. Dezember 2005

"Austria West"
zu sehen im Semper-Depot
Lehárgasse 8
Finissage am 17. Dezember 2005 um 19 Uhr.
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