"Um Wahrheit werden wir immer kämpfen müssen"

21. Dezember 2005, 11:43
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Irak, Russland, Kroatien: Drei Frauen sprachen über unabhängigen Journalismus und seine Grenzen

Reporter ohne Grenzen und Kreisky-Forum luden sie zum Bühnengespräch nach Wien.

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Unwahrheit, Diffamierung und Desinformation: Sie prägen die Berichterstattung in Russlands Medien, sagt Anna Politkovskaja beim Bühnengespräch "Reporter im Krieg". Politkovskaja zählt zu den wenigen kritischen Berichterstattern im Land über Tschetschenien und Präsident Wladimir Putin.

RTL ist also in schlechter Gesellschaft: Der vom Österreicher Gerhard Zeiler geführte TV-Konzern hat sich gerade am russischen Ren-TV beteiligt. Eine Reihe führender Journalisten kündigte seither wegen Zensur der Senderführung.

"Menschen bezahlen für Informationen und freie Meinungsäußerung mit dem Leben", berichtet Politkovskaja. Einer ihrer Informanten kam Sonntag ums Leben. Er sollte einen ihrer Berichte als Zeuge vor Gericht bestätigen.

Kämpfen für die Wahrheit

Szenenwechsel nach Kroatien. Wie wird aus einem Dorfmechaniker ein mordender Lageraufseher? Autorin Slavenka Drakulic zeichnet Fälle vor dem Haager Tribunal nach. Mit Ante Gotovina, sagt sie, kommen nun kroatische Politik und ihre "kriminellen Absichten" vor Gericht. Telefonprotokolle darüber lägen vor.

Die Mehrheit der Bevölkerung stehe hinter Gotovina, zitiert Drakulic Umfragen, die mächtige Landeskirche ohnehin. "Fragen stellen nur die paar üblichen Verdächtigen", sagt sie als eine von diesen Fragestellern: "Um die Wahrheit werden wir immer kämpfen müssen - in jedem Land der Welt." Auch und gerade in den USA, fügt sie an.

Die USA führen im Irak einen Krieg, der auf einer Lüge basiert, sagt Giuliana Sgrena. Die italienische Journalistin wollte die Wahrheit aus dem Irak berichten, wurde entführt, kam auf landesweiten öffentlichen Druck und mit Lösegeld frei. Ihr italienischer Befreier starb im Kugelhagel von US-Soldaten.

"Schüsse, um zu töten", zitiert sie italienische Untersuchungen. Aber diese Regierung und die nächste würden um der Beziehungen zu den USA willen schweigen.

"Raus aus dem Irak"

"Keiner will Zeugen dafür, was im Irak geschieht", sagt Sgrena. Nicht die USA, nicht die Aufständischen, die Terroristen, ihre Entführer und die so vieler anderer Ausländer und Iraker.

"Die Zivilbevölkerung will Zeugen", aber diese sind nicht vor Anschlägen und Entführung zu schützen. Wer mit schwer bewaffneten Bewachern oder gar US-Soldaten nachfragen will, bekommt naturgemäß kaum Kontakt zur Bevölkerung.

Raus aus dem Irak, rät sie allen Journalisten. Wahrheit ist dort nicht mehr möglich, nicht mehr recherchierbar. "Über dem Irak breitet sich eine Art Dunkelheit." (fid/DER STANDARD; Printausgabe, 1312.2005)

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    Italiens Bevölkerung mobilisierte im Frühjahr für die Freilassung von Giuliana Sgrena.

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