Aller Geldfangtage Abend

20. Dezember 2005, 20:06
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Mit der Theatralisierung von Thomas Manns "Buddenbrooks" gelingt dem Hamburger Thalia Theater die glückliche Umdeutung eines Himmelfahrtskommandos

Endlich einmal geht es auf der Bühne um nichts anderes als um das, worum es am Theater eigentlich immer geht: ums Geld. Mag auch von Bürgerdämmerung die Rede sein, von Verfall und Familie, von Contenance und Tradition.

Mag überdies der Autor und Thalia-Theater-Dramaturg John von Düffel einen überaus dichten, gescheit komponierten Extrakt aus Thomas Manns Buddenbrooks hergestellt haben (wobei zwangsläufig die Verluste höher zu Buche schlagen als der Gewinn). Mag er um den erschöpften Erben Thomas, den schrägen Tunichtgut Christian sowie die dummfröhliche Gans Tony einen Kranz patrizischer Familienangelegenheiten gewunden haben: Die Bühne des Hamburger Thalia Theaters bevölkern Figuren, die eher auf Namen wie "Geschäft" und "Kosten" und "Vermögen" und "Kredit" und "Bücher" und "Mitgift" hören und dort sehr heimatlos und einsam wirken.

Denn Geld hat kein Zuhause. Geld wohnt nicht. Geld hat nicht einmal einen Fauteuil, wo es kurz verschnaufen oder sich still vermehren und behaglich den Herrgott einen guten Mann sein lassen könnte. Im Bühnenbild von Katja Haß besitzt es nicht einmal einen Schreibtisch samt dazugehöriger Sitzgelegenheit, sondern nur das eine oder das andere, also zuerst den Tisch und dann den Stuhl. Dafür hängt es an vier Stahlseilen eine Hand breit in der Luft, was keine aufdringliche szenische Metapher, kein pfeffersäckisches Memento, sondern eine sehr Buddenbrook'sche Einsicht ist, dass Zahlen ein ziemlich unsicherer Grund sind.

Geld kann aber lachen. Unwissend und albern wie Tony Buddenbrook (blond und süß: Katrin Wichmann), der das‑ Finanzinstrument der Mitgift eine würdevolle, standesbewusstseinsfördernde Einrichtung bedeutete, wäre sie nicht mit unvermeidlich einschlägigen Jägern wie dem so überaus odiosen Bendix Grünlich verbunden.

Oder gemein und sardonisch wie Bankier Kesselmeyer, den Christoph Bantzer als unablässig nach Lachluft schnappenden Vollzugsagenten der Existenzvernichtung gibt, der den Bankrotteur Grünlich eine Weile zappeln lässt, ehe er ihm umso genüsslicher den Garaus macht. Fischzug ist alle Tage, aber nicht alle Tage Fangtag. Das weiß der windige Kesselmeyer so gut wie der ehrbare Konsul Buddenbrook.

Kein Erzählparcours

Eigentlich ist der Versuch, Thomas Manns Jahrhundertroman so auf die Theaterbühne zu bringen, dass mehr daraus wird als ein über nichts als Lücken springender Nacherzählparcours oder eine szenische Lesung mit verteilten Rollen und beschränktem Unterhaltungswert, eine "Mission: Impossible", ein dramaturgisches und inszenatorisches Himmelfahrtskommando. Wenn freilich das ambitionierte – um nicht zu sagen: wahnwitzige – Unternehmen nicht nur reüssiert, sondern über weite Strecken sogar fesselt und am Ende einhellig beklatscht wird, liegt das an Dreierlei.

Zum Ersten an John von‑ Düffels kluger Entscheidung, nicht die Familiengeschichte oder gar ein Epochenpanorama ausbreiten zu wollen, sondern weit gehend bloß den Niedergang der Firma "Johann Buddenbrook" nachzuerzählen. Deshalb endet die Aufführung auch nicht mit Hannos Typhustod, sondern mit Thomas' endgültiger ökonomischer Resignation.

Zum Zweiten ist Stephan Kimmig ein kühler, analytisch begabter Regisseur, der souverän und emotionslos – also im geradezu idealtypischen Sinn hanseatisch – die Möglichkeiten von Firma und Familie Buddenbrook taxiert und so vermisst, dass sie wie selbstverständlich in den vorgegebenen Erzählrahmen passen.

Und schließlich haben Kimmig und von Düffel für die zentrale Rolle des Senators Thomas Buddenbrook den außergewöhnlichen Schauspieler Norman Hacker zur Verfügung, dem das staunenswerte Kunststück gelingt, in knapp drei Stunden spürbar zu altern, obwohl er lediglich den roten gegen einen grauen Pullover tauscht. Respekt! (DER STANDARD, Printausgabe, 13.12.2005)

Von Oswald Demattia aus Hamburg
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    Dividenden zählen mehr als seelischer Gewinn: das "Buddenbrooks"-Personal (v. li.: Katrin Wichmann, Christoph Bantzer, Hartmut Schories, Felix Knopp).

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