Der Hass der Geschichtsverfälscher

30. Dezember 2005, 08:34
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Die Aussagen des iranischen Präsidenten verdeutlichen die Systematik eines neuen Antisemitismus - ein Kommentar der anderen von Doron Rabinovici

Es scheint beinah, als hätte sich der iranische Präsident Ahmadi-Nejad in die österreichische Debatte um David Irving eingemischt, um auf paradoxe Weise klarzustellen, wieso die systematische Verleugnung von Auschwitz keine Meinungsäußerung ist. Ahmadi-Nejad sagte in Mekka: "Mehrere europäische Staaten bestehen darauf, dass Hitler Millionen Juden verbrannte und in Konzentrationslager steckte. Jeder Historiker, Wissenschafter oder Autor, der das bestreitet, wird ins Gefängnis gesteckt oder verurteilt."

In der Tat: Nicht nur David Irving wurde vor Kurzem festgenommen. Im Oktober lieferte Amsterdam Siegfried Verbeke an Deutschland aus. Am 15. November wurde Germar Rudolf in Frankfurt verhaftet. Im Iran werden hingegen solche Publizisten der Holocaustleugnung gerne zu Vorträgen eingeladen. Was sich hier manifestiert, gründet keineswegs in irgendeiner Tradition islamischer Kultur, sondern folgt politischem Kalkül. Wobei der taktische Hintergrund der iranischen Rede nicht von ihrem faktischen Gehalt ablenken sollte.

Globale Verschwörung

In einigen Kommentaren wurde hier bereits erläutert, weshalb die Meinungsfreiheit nicht ohne Definition ihrer Grenzen auskommen kann, aber niemand hätte klarer als Ahmadi-Nejad vorführen können, wie sich hinter dieser einen Geschichtsfälschung ein System des Irrationalismus verbirgt. Die Mär von der so genannten Auschwitzlüge ist zum Bestandteil eines neuen Antisemitismus geworden. Die vorsätzliche Leugnung der Verbrechen setzt eine globale, eine jüdische oder – wie heute gesagt wird – eine zionistische Verschwörung voraus. Eine Intrige von gigantischen Ausmaßen. Alle Überlebenden, alle Juden, wären, so weit die "Auschwitzlüge", Betrüger. Sie hätten die internationalen Medien "in der Hand". Ja, die USA und der gesamte Westen wären nichts als ihre Knechte.

Wohlgemerkt: Es geht hier nicht um die bloße Äußerung von Zweifeln an Aspekten von Schuld und Verbrechen. Revision gehört zur Wissenschaft, nicht aber die offenkundig tausendmal widerlegte Lüge. Sie will den Judenhass vom Gasgeruch befreien. Sie ist die moderne Version jenes alten Aberglaubens von der Perfidie der Juden, deren Schriften und Zeugnissen misstraut werden soll. Für Ideologen des Antisemitismus ist die Leugnung der Schoah ein Identitätssymbol. Ein Losungswort gegen jegliche Aufklärung. Ihren Vertretern geht es nicht so sehr darum, glaubwürdig zu erscheinen, sondern die Erinnerung an die Schoah in Misskredit zu bringen.

Sie haben Erfolg, sobald ihre Lügen gedruckt werden. Wer sich auf eine Diskussion mit ihnen einlässt, erkennt sie als gleichwertige Gesprächspartner an und hat bereits verloren. Wenn sie vor Gericht gezerrt werden, spielen sie sich als Märtyrer auf und genießen den Medienrummel. Sie einfach zu ignorieren ist gleichfalls längst unmöglich. Ob in Moskau, Brüssel oder in Teheran, ob auf Buchmessen oder im Internet; ihr Wirken ist nicht mehr zu übersehen. Verbote werden das Lügen nicht aus der Welt schaffen. Gesetze können die öffentliche Aufklärung nicht ersetzen. Aber zumindest kann in einem Prozess eine Frage verhandelt und Revision von Lüge, Irrtum von Betrug geschieden werden.

Jene, die alle juristischen Strategien ablehnen, wollen das Laisser-faire, wo die anderen bloß nach Zensur rufen. Beide Standpunkte bleiben dem Obrigkeitsdenken unterworfen und erkennen nicht die eigentliche Funktion des Rechts. Es ist Teil der gesellschaftlichen Auseinandersetzung. Jegliche Einengung der Artikulation erinnert an Diktatur. Deshalb tut die Gesellschaft gut daran, wenn sie falsche Behauptungen zumeist nicht verfolgt, sondern auf den Verstand der Menschen vertraut.

Grenzen der Freiheit

Aber nicht nur bei Verleumdung, Beleidigung, Rufmord, Erpressung und Drohung akzeptieren wir die Grenzen der Meinungsfreiheit. Wir verstehen ebenso, dass niemand etwa auf Beipackzetteln behaupten darf, Arsen sei ein gutes Nahrungsmittel für Säuglinge. Zudem kennen wir Sanktionen gegen sexuelle Belästigung und gegen rassistische Diskriminierung. Die Freiheit der Meinung kann nämlich bloß gewährleistet werden, wenn die Regeln der Kommunikation aufrechterhalten bleiben.

Die Reden des iranischen Präsidenten verdeutlichen, dass die systematische Leugnung der nazistischen Massenmorde nicht nur eine falsche Behauptung ist, sondern den Hass schüren soll. Die Massen werden in Rausch versetzt, um jede Kritik zu betäuben. Palästinensische Bedürfnisse interessieren Ahmadi- Nejad nicht. Unterstützt werden allenfalls Selbstmordattentate in Haifa und Tel Aviv. Alles Böse wird auf den Todfeind Israel projiziert.

Kontinentales Verbot

Die so genannte Auschwitzlüge ist zur globalen Parole gegen die Juden geworden. Sie erinnert ein wenig an die Ritualmordlegende, mit der einst zum Pogrom gerufen wurde. Geahndet wird sie nicht nur in Deutschland und Österreich, wie mancher glauben könnte, der die heimische Debatte um David Irving verfolgt. Solche Gesetze finden sich in Frankreich, Belgien, Spanien, in Israel, Luxemburg und in der Schweiz.

Simon Wiesenthal, der die österreichische Amnesie gegenüber Naziverbrechern immer bekämpfte, unterstützte stets das heimische Verbotsgesetz. Es wäre gut, wenn die Europäische Union sich in diesem Punkt an Österreich ein Beispiel nähme. Die EU sollte auch die neue Version des Antisemitismus ahnden. Es braucht ein kontinentales Verbot der systematischen Auschwitzleugnung. (DER STANDARD, Printausgabe, 13.12.2005)

Zur Person

Der Autor ist Schriftsteller und Historiker (Zuletzt: "Ohnehin", "Neuer Antisemitismus?", beide Suhrkamp). Er lebt in Wien.

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