Städtependlerzüge: Ein bisserl Indien

13. Dezember 2005, 17:47
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Der nächste Zug, sagte die Frau in Salzburg im Abteil, sei ebenso überfüllt. Nur sage das das ÖBB-Personal wohlweislich nicht...

Es hätte fast länger gedauert. Aber irgendwann wurde es dem Mann in der Tür dann wohl zu blöd – und der Zug konnte abfahren. Mit 20 Minuten Verspätung und ohne einen Waggon mehr. Dabei hatte der Mann in der Tür geschworen, hier stehen zu bleiben. Und zwar so lange, bis die ÖBB noch ein paar Waggons an den Zug hängen würden.

Nicht, dass der Mann in der Tür mit seiner Forderung nicht Recht gehabt hätte: Dass der Zug mehr als nur voll sein würde, war schließlich klar gewesen, als wir in Salzburg auf den Bahnsteig gekommen waren. Ein bisserl erinnerte die Szenerie an Indien. Oder andere asiatische Gegenden. Nur haben die Leute dort weniger an und eher selten Ski mit dabei. Egal.

Sturm

Der Zug wurde jedenfalls gestürmt. So lange das ging. Also etwa eine Minute lang. Dann waren Gänge und Verbindungsplattformen voll – und der Mann mit dem Aktenkoffer hatte seinen großen Auftritt: Er wurde, nachdem wir uns dann an ihm vorbei gedrängt hatten, zum Mann in der Tür. Und zwar so laut, dass wir ihn bis in die Waggonmitte hören konnten.

Der Zug stand. Nicht ewig, aber doch lange genug, dass die Leute miteinander ins Gespräch kamen. Und so erfuhren wir Nicht-Ständig-Städtependler, dass es sich bei diesem Szenario nicht etwa um eine einmalige, unvorhersehbare Totalüberfüllung handelte, sondern dass diese Form der Fahrgastvergraulung längst Normalität sei: Als nächstes, erzählte eine Dame, käme die Durchsage, dass der Zug aus Sicherheitsgründen nicht abfahren würde bis die Überfüllung keine mehr sei – weil ja in einer halben Stunde der nächste Zug nach Wien führe. (Der, sagte die Frau im Abteil, sei aber ebenso überfüllt. Nur sage das das ÖBB-Personal wohlweislich nicht.)

Prophezeiung

Kaum war die Frau fertig, kam die Ansage ­- zehn Minuten später fuhr unser Zug los. Im Vorbeifahren winkten wir dem Mädchen im Zug am Nachbargleis zu. Sie fuhr nach Linz – und hatte uns schon zuvor - als wir von Zell am See bis Salzburg mit ihr im Abteil gesessen hatten – angekündigt, was in Salzburg passieren würde: Das horrende Überfüllen der beiden Kurswägen nach Wien, die ihr Regionalzug nach Salzburg mit sich führe (und in dem wir uns getroffen hatten), sei bloß das Vorspiel zu Salzburg, hatte das Mädchen vorhergesagt. Sie wisse das, weil sie jede Woche hier säße. Die ÖBB müssten das auch wissen, aber denen sei das egal.

Wir hatten ihr nicht glauben wollen. Und deshalb auch ihre Warnung vor dem Umsteigen vom Intercity (zu dem mutierten die an jedem Schneefeld haltenden Kurswagen nämlich in Salzburg) in den Eurocity in den Wind geschlagen: Wir würden höchstens mit Brachialgewalt an unsere reservierten Sitze kommen, sollten also die zufällig neben ihr ergatterten lieber behalten und uns auch nicht einbilden, dass der Eurocity seinen Vorsprung auf den Intercity würde halten können, hatte sie gesagt: Die Überfüllerei mache das höhere Tempo de facto wett. Und zwar jedes Mal. Zumindest bis Linz. Und dass man bis Wien dann tatsächlich eine knappe Stunde aufholen könne, glaube sie nicht.

Unsympathler

Natürlich hatte sie Recht behalten. In jedem Punkt. Nur das mit der Brachialgewalt, die nötig sein würde, unsere Reservierungsplätze auch einzunehmen, hatte nicht gestimmt. Aber vermutlich lag das ein bisserl an der Differenz in Körpergröße und Statur zwischen mir und dem verschüchterten Früh-Teenagergeschwisterpaar auf unseren Plätzen. Dass sie mich – trotz meiner explizit höflich vorgebrachten Bitte, unsere Plätze frei zu geben - sicher nicht für sonderlich sympathisch hielten, irritierte mich nicht. Jedenfalls nicht sehr: Die beiden hockten dann bis Wien vor dem Klo am Boden.

Die Contenance verlor ich aber, als ich später, daheim nämlich, den aktuellen TV-Spot der ÖBB sah: Ein Lokführer poliert „seine“ Taurus-Lok. Und ein Mädchen genießt – alleine – im Zug. Beinfreiheit, Landschaft und Reisekomfort. A. blieb ruhig: Der Spot zeige die Zukunft der Bahn durchaus realistisch, meinte sie: Den letzten Fahrgast – und der sei eben im Prä-Führerschein-Alter. Öfter als zweimal lasse sich nämlich kein Kunde für sein Geld derart schlecht behandeln. Und ab zweieinhalb Personen sei Autofahren auch günstiger. Und sogar im Stau bequemer – soviel habe sie für die nächste Wochenend-Inlandsreise gelernt. Wir sahen uns an: Auch, dass wir am Ende des Tages zu dieser Erkenntnis gelangen würden, hatte uns das 17-jährige Mädchen im Zug gesagt – und hinzugefügt, dass sie sich schon freue: Ab in zwei Monaten wäre auch sie nicht mehr ÖBB-Kundin.

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von Thomas Rottenberg

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