Dresscode: Casual

Fußball-Fans in edelstem Zwirn beeinflussten das modische Selbstver­ständnis von Genera­tionen britischer Jugendlicher

In den Pubs des Gastronomiekonzerns Barracuda in Leicester sind Karos seit Sommer 2004 unerwünscht. »Diese Maßnahme zielt auf eine bestimmte Gruppe junger Männer, die uns in dieser Gegend Sorgen machen«, begründet Pressesprecherin Caroline Nodder das vorbeugende Lokalverbot. Träger von Burberry-Outfit erscheinen offenbar als potenzielle Unruhestifter, vor denen man die friedliebende Mehrheit der Gäste schützen muss. Die Nobelmarke, die in der österreichischen Wahrnehmung in etwa das Gewaltpotenzial eines Lodenmantels symbolisiert, ist in Großbritannien zum Kennzeichen für Troublemaker verkommen. Ihr Träger, der »Chav«, ist die neueste Ausformung des jungen, gewaltbereiten, doch gut gekleideten Mannes aus der Unterschicht, vor dessen Manieren das Vereinigte Königreich in periodischen Abständen erzittert.

Es begann in Liverpool

1977 hieß der »Chav« noch »Scally« und bevölkerte die Gegend um die Scotland Road, eines der übleren Viertel von Liverpool. Sein Markenzeichen war der »Wedge«, jene keilförmige Frisur, die erst perfekt saß, wenn ein Auge hinter den Stirnfransen verschwand. Mit Mohair-Pullovern und Duffel-Coats aus Kamelhaar stellten die jungen Männer ihren fragwürdigen Wohlstand stolz zur Schau.

Zu dieser Zeit war der Liverpool FC die dominierende Mannschaft in England. Bob Paisleys Team fuhr die reiche Ernte der Saat ein, die von dem unvergessenen Bill Shankly gelegt worden war. Regelmäßig durften die Reds ihr Können in den europäischen Cup-Bewerben unter Beweis stellen. Die jugendlichen Auswärtsfahrer kamen so in Kontakt mit in England schwer erhältlicher Markenware und importierten diese in ihre damals modisch trostlose Heimat. Das Meisterpokalfinale 1977 war eine der ersten großen Völkerwanderungen im Fußball. 30.000 Fans begleiteten ihre Mannschaft nach Rom, darunter einige Jungs von der Scotland Road, die an Mode mindestens genau so interessiert waren wie am Fußball (Liverpool gewann 2:1 gegen Mönchengladbach und sicherte sich damit seinen ersten Europacupsieg). Bei diesen Reisen deckten sich die Scallys mit ihren ersten Adidas- oder Puma-Sportschuhen und Trainingsanzügen von Fila ein, bezahlt wurde nicht immer. Die exotischen Marken waren sichtbare Trophäen, die zu Hause entsprechend stolz gezeigt wurden.

Der Markenfetischismus trieb auch seltsame Blüten. Beim Europapokal-Endspiel 1981 in Paris verbreitete sich unter den mitgereisten Fans das Nachricht, ein so genanntes »Adidas Centre« in der französischen Metropole verkaufe hier exklusiv Modelle, die nirgendwo sonst erhältlich seien. Die französische Hauptstadt sah daraufhin eine Horde junger Briten suchend durch ihre Straßen irren, letztendlich erfolglos. Der Exklusivverkauf erwies sich als ein Gerücht. Trotzdem fuhren die Fans zufrieden nach Hause, Liverpool hatte erneut das Finale gewonnen.

In der heimischen Liga lösten die ersten Auftritte des frisch eingekleideten LFC-Mobs einige Irritation bei den gegnerischen Fans aus. In London beherrschten noch Stoppelglatze, Harrington-Jackets und Dr. Martens die Tribünen. Zum ersten Spiel der Saison 1977/78 ging es auswärts nach Middlesbrough. Hunderte der einheimischen Fans warteten mit eindeutigen Absichten am Bahnhof auf ihre Gegner. »Ich hab sie nie so verwirrt gesehen wie damals. 40 unserer Jungs stiegen aus dem Zug, mit etwas, das aussah wie eine Mädchenfrisur. Sie waren zu erstaunt um anzugreifen. Und sie waren nicht die einzigen, die wir überrumpeln sollten«, erinnert sich Kevin Sampson, der spätere Autor des Buchs »Auswärtsspiele« an diese Szene.

Stadien als Modelabor

Den Überraschungseffekt konnten die Pioniere von der Merseyside jedoch nicht auf Dauer ausspielen. Halb England warf sich in Schale für den Stadionbesuch. Die Londoner nutzten ihre weltstädtische Überlegenheit gnadenlos aus und trieben in den 80ern den Kult auf die Spitze. Sie griffen nur zum Besten: Lacoste-Shirts, Cashmere-Schals und -Pullover sowie Burberry-Mäntel gegen das feuchtkalte Wetter. So etwas hatte man auf Fußballplätzen nie zuvor gesehen. Damals wurde der Grundstein für die Liebe zum absoluten Hochpreissegment gelegt, das ab den 90er-Jahren das Aussehen der englischen Fans prägen sollte. Marken wie Aquascutum, Prada oder Stone Island sollten zum Erkennungszeichen der verbliebenen Hooligans werden.

Bevorzugte Marken wechselten im Monatsrhythmus, einige verschwanden, einige blieben. Immer im Trend lagen Turnschuhe (Adidas und dann lange nichts), Polos (Fred Perry – gab es zwar schon vorher, aber Qualität setzt sich durch – und dann lange nichts) und Trainingsjacken (Sergio Tacchini und dann lange nichts). Die Stadien wurden zu einem Modelabor, in dem sich der Kreislauf von Ausprobieren – Annehmen – Verwerfen ständig drehte.

Der »Football Casual«

Nach der stilistischen Hochblüte der Sixties war England in Stagnation verfallen. Die Zeit war reif für etwas Neues. Während die zeitgleiche Punkrevolution von den Medien mit großem Eifer begleitet wurde, geschah die modische Revolution in den Stadien weitgehend unbeobachtet, obwohl ihre massenkulturelle Auswirkung mindestens gleich groß war. Über Fußballfans wurde höchstens im Zusammenhang des Hooliganproblems berichtet, das damals seinen Höhepunkt erreichte. Die alltagskulturellen Äußerungen dieser Bewegung schienen nicht interessant.

Erst sechs Jahre nach den Anfängen berichtete 1983 das Lifestylemagazin »FACE« über den neuen Jugendkult und gab ihm einen Namen: Der »Football Casual« war endlich getauft. In einem Artikel für »FACE« beschrieb Sampson den Reiz des Phänomens so: »Es gibt kaum bessere Momente im Leben, als in Massen in einer fremden Stadt aufzutauchen, alle tadellos gekleidet, und alle Leute starren dich an.«

Die Auswirkungen der Casual Revolution halten bis heute an und sind auch abseits der englischen Spielstätten omnipräsent. Eine ganze Generation findet den Gedanken, etwas anderes als Sportschuhe zu tragen, unerträglich. Die Marken der Trainingshosen, die in den englischen Stadtzentren beinahe zur Uniform geworden sind, sind im Wesentlichen dieselben, die die Casuals schon vor 25 Jahren trugen. Wenn auch die modernen Chavs die Geschmackssicherheit ihrer Vorbilder nicht immer erreichen, da ihnen die Wahl der richtigen Marke den Zwang zu einer eingehenden stilistischen Beurteilung der Kleidungstücke erspart. Besonders die schicken Baseballkappen mit dem Burberry-Muster haben es den englischen Jugendlichen angetan. In Liverpool hingegen dürfte das Karo schon wieder völlig out sein. »Ich würde mich nicht einmal tot in Burberry sehen lassen«, erklärte Kevin Sampson dem ballesterer fm. An der Merseyside können die Wirte also ruhig bleiben, wenn sich karierte Gestalten der Theke nähern. (Hans Georg Egerer und Andreas Hagenauer)

Kevin Sampson über...

  • …die Abneigung der »Casuals« gegenüber Vereinsfarben: »Entgegen vielen Gerüchten ging es uns eher nicht darum, möglichst unerkannt den Augen der staatlichen Ordnungshütern zu entgehen. Vereinstrikot, Schal oder Kappe passten einfach nicht in unser modisches Konzept. Natürlich stellte dieses Novum für manche Fans anderer Vereine ein rotes Tuch dar. In Wolverhampton, zum Beispiel, wurden wir von den »locals« mit »Scousers, scousers where´s your scarves?!« empfangen.«

  • …die Kommerzialisierung des »Casual Looks«: »Für mich definiert sich eine Jugendbewegung über den Individualitätsstatus, den sie mit sich bringt. Sie bleibt interessant, solange sie sich selbst reguliert und sich unabhängig entwickelt. Ab dem Zeitpunkt, ab dem der kommerzielle Markt sie für sich entdeckt, ist es vorbei. Es geht vor allem darum seinen Stil zu entdecken, und nicht als potentieller Kunde entdeckt zu werden.«

  • …die aktuelle Situation in »Casual Liverpool«: »Das stereotypische Casual-Outfit mit »Stone Island«, »Aquascutum « und »Prada« ist mittlerweile komplett überholt. Üblicherweise erkennt man einen Liverpool-Fan, im Gegensatz zum typischen England-Fan, an der Absenz von Logos. Ich persönlich bin meinen früheren Markenfavoriten, wie »Paul Smith« oder »Nigel Hall« treu geblieben und es spricht auch grundsätzlich nichts gegen eine edle »Barbour«-Jacke.«

    Der neue ballesterer fm
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    SCHWERPUNKT: Fußballmode – Was uns anzieht

    Stadionwäsch: Kutte, Polo und Bomberhaut Frisuren: Die Kicker-Mähnen im Wandel der Zeit Retro: Leiberlproduzent TOFFS setzt auf Nostalgie Dressen: Wie steht’s um Kameruns sexy Einteiler?

    AUSSERDEM:

    Geschichtenerzähler: Kult-Fotograf Stuart Clarke im Interview Schikane: Neue Fangesetze komplizieren den Stadionbesuch in Italien Sicherheit: Österreichs Polizei erhält weitere Vollmachten Gelbsucht: Die Fans des CF Cadiz rocken die Primera Division Uruguay: Alberto Martinez über den Fußball in Südamerikas Peripherie Bosman II: Der Fall Oulmers und die Folgen Unterm Hakenkreuz: »Der große Tag in der Geschichte Rapids« Kurzer Prozess: Ein Tag mit Hoyzer, Ante S. und Eisenkarl

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