Die Almosen-Hochsaison im Advent

27. Dezember 2005, 13:22
25 Postings

In der Vorweihnachtszeit mehren sich die Bettler, die in Bussen in die Stadt kommen - Fahndung der Hintermänner scheitert an Personalmangel

Wien - Zerlumpt, ohne Zähne, in der Hand einen dreckigen Kaffeebecher - so kniet eine ältere Frau seit Stunden vor einem großen Kaufhaus in der Jörgerstraße in Wien-Hernals. Mehr als ein paar Münzen hat sie heute nicht erhalten. Dabei lassen sich Passanten gerade in der Vorweihnachtszeit erweichen und öffnen öfters als sonst ihre Brieftaschen.

Das führt dazu, dass vor allem in großen Einkaufsstraßen wie der Wiener Mariahilfer Straße im Advent vermehrt Bettler anzutreffen sind. Oder in den Straßen der Innenstadt - immer wieder werden zur Mitleidssteigerung auch grob vernarbte Verletzungen oder Kinder zur Schau gestellt.

"Kunden verschreckt"

"Am Samstag war's ganz arg. Da san so richtig Abgsandelte draußengstanden und ham mir meine Kunden verschreckt", wettert eine Geschäftsinhaberin in Mariahilf. Eine Beobachtung, die man im für die Bezirke 7., 8. und 9. zuständigen Polizeikommissariat Josefstadt nicht teilt: Die aggressive Bettelei sei zuletzt deutlich zurückgegangen, heißt es dort.

Grundsätzlich gibt es eine gesetzliche Handhabe gegen aggressives, aufdringliches und organisiertes Betteln. Die Polizei kann dafür im Wiederholungsfall Strafen von bis zu 700 Euro verhängen und die erbettelten Sachen - seien es Bargeld, Lebensmittel oder Gebrauchsgegenstände - für "verfallen" erklären. Üblich sind Bußstrafen in Höhe von 70 Euro.

"In der Regel sind das aber ganz arme Leute, die man mit Strafen nicht abschrecken kann", weiß Herbert Grolig, Leiter des Polizeikommissariates Innere Stadt. "Man kann sie damit nicht wegbringen, denn sie riskieren ja nichts. Die verdienen mit dem Betteln oft an einem Tag das, was ihre ganze Familie in einem Monat zur Verfügung hat." Er setzt daher auf fixe Streifen, die zwischen 13 und 19 Uhr in der City unterwegs sind und mit ihrer bloßen Präsenz die Bettler "vertreiben" sollen.

"Absolut" reduziert

Eine Maßnahme, die laut Grolig wirkt: "Es gibt zwar Bereiche, wo man immer wieder welche sieht. Etwa die Kärntner-Tor-Passage. In absoluten Zahlen hat sich das Betteln bei uns aber deutlich reduziert."

Derzeit sind es vor allem Arme aus der Mittelslowakei - darunter viele Roma und Sinti - und aus Bulgarien, die in der Bundeshauptstadt auf die Freigebigkeit der Passanten hoffen. Sie reisen meistens in größeren Gruppen an. Dass diese Fahrten mitunter organisiert werden und die Bettler ihren "Verdienst" zum Großteil abliefern müssen, wird von der Polizei zwar vermutet, lässt sich allerdings kaum nachweisen. Dafür wären längere Observationen notwendig, für die speziell vor Weihnachten - erfahrungsgemäß auch die Hochsaison für Taschendiebe - kaum Zeit und Personal bleiben.

Behinderungen

Den Eindruck, dass verstärkt Bedürftige mit einer vorgeblichen oder echten Behinderung um Aufmerksamkeit werben, bestätigt Stadthauptmann Grolig. Vor allem Bulgaren treten demnach mit Rollstuhl oder Krücken in Erscheinung, wobei laut Grolig die Behinderung nicht selten vorgetäuscht wird. Zu Anzeigen kommt es in diesen Fällen trotzdem kaum: Da es meistens um Bagatellbeträge geht, wäre ein Strafverfahren kaum angemessen.

Jener Jugendliche, der immer wieder in fahrenden U-Bahn-Zügen um Almosen bittet, ist jedenfalls kein Simulant: Zu offensichtlich zerfetzt ist sein Fuß, den er entblößt vor den sitzenden Fahrgästen baumeln lässt.

Historisch hat die Großzügigkeit gegenüber Bedürftigen in der Vorweihnachtszeit eine lange Tradition. So wurde 1428 im französischen Poitiers an mehr als 2000 Arme Brot verteilt. (APA, frei, DER STANDARD Printausgabe, 12.12.2005)

  • Bild nicht mehr verfügbar
Share if you care.