Ex-Geisel im STANDARD-Interview: "Kidnapper trieben grausames Spiel"

15. Dezember 2005, 14:11
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Franzose Georges Malbrunot: Enge Beziehung zum Irak keine Sicherheitsgarantie

Georges Malbrunot, Reporter der Pariser Tageszeitung "Le Figaro", wurde 2004 mit einem Kollegen 124 Tage lang im Irak festgehalten. Anlässlich der jüngsten Geiselnahmen sprach mit ihm Stefan Brändle.

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STANDARD: Im Irak wird eine deutsche Geisel festgehalten und auch wieder ein Franzose. Spielt die Nationalität für die Kidnapper eine Rolle?

Malbrunot: Ich glaube schon. Für die Kidnapper repräsentieren Journalisten und Geiseln ihre Herkunftsländer. Frankreich hatte - zum Glück für uns - die Position vertreten, der Krieg und damit auch die Besatzung im Irak seien illegitim. Deutschland hat eine ganz ähnliche Position eingenommen; das könnte Susanne Osthoff helfen, sogar wenn es letztlich um Geld gehen sollte.

STANDARD: Frankreich setzte sich stark für Sie ein. Half das - oder schadete es gar?

Malbrunot: Ich bin überzeugt, dass dies eine wichtige Unterstützung war. Wir haben sehr schnell begriffen, dass die Forderung unserer Kidnapper nach einer Abschaffung des französischen Kopftuchverbots nur ein Vorwand war. In Wirklichkeit wollten die Entführer die Reaktion der französischen Regierung testen.

Die Regierung in Paris hat sofort reagiert und signalisiert, dass man verhandeln und uns Geiseln unbedingt freibekommen wolle. Das ist besonders am Anfang ganz entscheidend: So haben die Kidnapper den Eindruck, dass man sie ernst nimmt. Grundsatzerklärungen nach dem Motto "Wir verhandeln nicht mit Terroristen" nützen in einem solchen Fall überhaupt nichts.

STANDARD: Versuchten Sie, Ihre Entführer zu überzeugen, dass Sie auf deren Seite stehen?

Malbrunot: Wir haben uns nicht mit ihnen verbrüdert, wenn Sie das meinen. Wir waren nicht naiv; uns war klar, dass die uns jederzeit umbringen könnten. Aber wir haben versucht, mit den Kidnappern zu reden, um die Situation zu entspannen. Zum Glück sprechen wir arabisch; zudem waren in unserer Entführergruppe keine religiösen Fanatiker oder nervöse Kriminelle, sondern Leute, die nach einer gewissen politischen Logik vorgingen. Es ist die Logik von Terroristen, aber immerhin eine Logik: Eine tote Geisel wäre für unsere Kidnapper nicht von Wert gewesen.

STANDARD: Hatten Sie trotz dieser nüchternen Analyse Todesangst?

Malbrunot: Ja, während drei Tagen. Etwa fünf Wochen vor unserer Freilassung waren Christian und ich fest davon überzeugt, dass man wenigstens einen von uns umbringen würde, um Druck auf die französische Regierung auszuüben. Die Kidnapper trieben ein grausames Spiel mit uns. Jedes Geräusch aus dem Nebenraum hat uns zusammenzucken lassen; wir haben es als Vorbereitung auf unsere Hinrichtung interpretiert. Ich hatte niemals zuvor in meinem Leben richtig gebetet, aber da haben Christian und ich Hand in Hand gebetet.

STANDARD: Ist es vertretbar, dass westliche Ausländer im Irak bleiben?

Malbrunot: Das Risiko steht in den wenigsten Fällen in einem Verhältnis zu Nutzen und Aufwand. Niemand darf sich in Sicherheit wiegen; das hat auch der Fall Susanne Osthoff zeigt, die offenbar dreimal gewarnt worden ist. Eine enge Beziehung zum Irak, ja sogar familiäre Bindungen sind keinerlei Sicherheitsgarantie. Im Gegenteil scheint es fast, als würden diese Menschen immer mehr zum bevorzugten Ziel der Geiselnehmer. (DER STANDARD, Printausgabe, 12.12.2005)

Zur Person
Georges Malbrunot (42) wurde zusammen mit dem Radioreporter Christian Chesnot (37) im August 2004 auf dem Weg von Bagdad nach Najaf gekidnappt. Vier Monate lang hielt man die beiden Journalisten an fünf verschiedenen Orten fest, bis sie im Dezember freikamen. Frankreich soll dafür mehrere Millionen Euro Lösegeld bezahlt haben. Offiziell wird das aber bestritten.
  • Bild nicht mehr verfügbar

    Goerges Malbrunot bei seiner Rückkehr nach Frankreich nach seiner Freilassung

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