Die ungeliebte Union

11. Dezember 2005, 18:48
16 Postings

Eine Kolumne von Barbara Coudenhove-Kalergi

Ausgerechnet am Vorabend der österreichischen EU Präsidentschaft sagt eine überwältigende Mehrheit der Österreicher, dass sie von der Union wenig bis gar nichts hält. Viele gescheite Leute werden sich jetzt den Kopf darüber zerbrechen, wie man einer unwilligen Öffentlichkeit wieder Lust auf Europa machen kann. Wie wär's mit einer watscheneinfachen Formel: das Gute an Europa ist, dass es nicht Amerika ist.

Der in den USA lehrende britische Historiker Tony Judt, der Gescheitesten einer, hat in einem neuen Buch "Geschichte Europas seit 1945" die These vertreten, dass sich seit dem 11. September 2001 das Verhältnis zwischen den beiden Kontinenten grundlegend gewandelt hat.

Eine lange Zeit hindurch, schreibt Judt, "war Amerika eine andere Zeit - die Zukunft Europas". Heute ist Amerika nur noch "ein anderer Ort". Zwar übt das amerikanische Gesellschaftsmodell mit seiner Vitalität, seinen unbezweifelten Erfolgen in Wissenschaft, Technik, Wirtschaft, seinem Glauben an die Kraft des Wettbewerbs immer noch eine große Faszination auf viele Europäer aus. Aber es verblasst zusehends. Eine Mehrheit der Europäer, auch in den amerikabegeisterten osteuropäischen Ländern, will auf den Wohlfahrtsstaat europäischer Prägung nicht verzichten. Sie möchten, sagt Judt, "ihren sozialistischen Kuchen behalten und ihn in Freiheit aufessen". Aber woher kommt es, dass trotzdem die allgemeine Verdrossenheit mit dem europäischen Projekt in praktisch allen europäischen Ländern den Politikern Sorgen macht?

Dass die Europäische Union dem Kontinent ein halbes Jahrhundert lang Frieden beschert hat, weiß man zwar zu schätzen, aber es ist zu selbstverständlich, um viel Begeisterung zu entfachen. Die Europäer fühlen sich bevormundet, sie haben ihre politischen Eliten satt, sie fürchten sich vor der Zukunft. "Brüssel" ist längst ein Synonym für Bürokratie und Bürgerferne geworden. Wenn während der österreichischen Präsidentschaft demnächst ein wahres Trommelfeuer an Europa-Werbung auf uns niedergehen wird, so kann man jetzt schon voraussagen, dass es beim Publikum in erster Linie ein großes Gähnen hervorrufen wird.

Da tut es gut, Tony Judt zu lesen, den Europäer in Amerika, den britischen Professor an der New York University. Er weiß aus eigener Erfahrung, dass es in den USA die besten Universitäten der Welt gibt, dass sich dort die klügsten Köpfe versammeln - aber um den Preis, dass es im Lande mehr Analphabeten und mehr verkommene Bildungseinrichtungen gibt als irgendwo in Europa. Dass man dort, wenn man wohlhabend und krank ist, die besten Ärzte und die besten Spitäler zur Verfügung hat - dass aber 40 Millionen Amerikaner ohne jede Krankenversicherung sind. Diesen Weg, sagt der Historiker, sollte Europa nicht gehen.

Die Vereinigten Staaten und China sind die wirtschaftlichen und militärischen Supermächte des 21. Jahrhunderts und daran wird sich so bald nichts ändern. Aber keiner der beiden Riesen hat laut Tony Judt ein praktikables Gesellschaftsmodell anzubieten, das sich zum Vorbild für andere eignet.

Wenn die meisten sagen, das kommende Jahrhundert wird ein amerikanisches oder ein chinesisches sein, während das alte Europa hoffnungslos zurückfallen wird, so ist der britische Professor da nicht so sicher. Es könnte durchaus sein, gibt er zu bedenken, "dass das 21. Jahrhundert Europa gehören wird". Allerdings nur dann, wenn es zusammenhält.

Ob es den Österreichern gelingt, im nächsten halben Jahr ihren europäischen Mitbürgern klar zu machen, was sie an ihrer ungeliebten Union trotz allem haben? Einen Versuch sollte es zumindest wert sein. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 12.12.2005)

Share if you care.