"Russland!" mit einigen Fragezeichen

11. Dezember 2005, 18:24
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Das New Yorker Guggenheim Museum versammelt Höhepunkte russischer Kunst aus acht Jahrhunderten - manche Lücken sind systematisch

Auf den ersten Blick ist an nichts gespart worden. Fast 300 Werke russischer Kunst aus acht Jahrhunderten säumen die Spirale des Guggenheim Museums. Aus den größten Sammlungen des Landes - der Eremitage, der Tretjakov-Galerie, dem Russischen Staatsmuseum - wurden bedeutende Arbeiten ausgewählt und zum Gutteil erstmals nach Übersee verfrachtet. Von frühesten Ikonen bis zu Videos reicht dieser Bilderbogen namens Russia!, der alle bisherigen Russland gewidmeten Schauen des Hauses in den Schatten stellt.

Erstaunliche formale Freiheiten in einigen der ältesten Heiligenbilder veranschaulichen, was auch spätere Perioden charakterisiert: die Spannung zwischen dem Drang zu individueller Äußerung und der Eingebundenheit in Tradition - beziehungsweise in die Forderungen der Auftraggeber. Die aber waren entweder die Kirche oder, in bald dominierendem Ausmaß, das Zarenhaus und seine Entourage.

So folgt die Kapiteleinteilung der Schau denn auch streng den Patronanzen von Peter dem Großen bis Nikolaus II. Wie ihre jeweiligen Vorlieben sich auf die künstlerischen Auffassungen im Land auswirkten, zeigt und erklärt der opulente Rundgang im Guggenheim gut: etwa die Einrichtung der Kunstakademie und die Ausrichtung auf Europa, die romantisierende bis revoltierende Betonung der "unteren Schichten" und die (Rück-)Besinnung im 19. Jahrhundert auf die russischen Wurzeln.

Aus dem eigenen Vollen

Insbesondere was die letzten hundert Jahre betrifft, hat das Museum zudem aus dem eigenen Vollen schöpfen können. Es zeigt die Resultate seiner früh geknüpften Beziehungen zu Chagall und Kandinsky in zwei Extraflügeln, in einer weiteren Halle Beispiele aus den Kollektionen der russischen Unternehmer und Sammler Schtschukin und Morosov (vor allem frühe französische Moderne) und im Keller schließlich eine Auseinandersetzung mit dem Sozialistischen Realismus anhand von Gemälden aus Sammlungen in Minnesota.

Zusammen ergibt das einen beeindruckenden Überblick über die Geschichte der russischen Kunst. Aber ist das Thema erschöpfend behandelt?

Die Leitung des Guggenheim spricht von einem Höhepunkt in der kulturellen Annäherung zwischen den USA und dem postsowjetischen Russland. Museumsdirektor Thomas Krens betont die wunderbare Zusammenarbeit mit den Kuratoren in Moskau und St. Petersburg, seine Dankesliste ist seitenlang, enthält die Stiftungen des US-Konzerns Alcoa und des Oligarchen Vladimir Potanin und gipfelt in Dankesworten an Präsident Putin, der die Patronanz der Schau übernommen hat.

Umarmungen allerseits also. Doch die haben - wie man u. a. aus der Foto-Ikonografie der Sowjetzeit weiß - ihre Kehrseite: die der Ausgrenzung, des Verschwindens. Tatsächlich hat die überwiegend staatsrussische Kontrolle über die Auswahl signifikante Lücken beschert. Insbesondere um das Gewicht der Dissidenten der Sechzigerjahre soll lange gefeilscht worden sein, das Ergebnis ist relativ mager - bzw. es wird präsentiert, als sei es nur eine weitere Facette im Mainstream der nationalen Kunst. Ein Schicksal, das bereits manche Künstler trifft, die in den 20er-Jahren bis zur nachrevolutionären Periode arbeiteten oder arbeiten wollten: Entweder sie kommen als konstruktive Elemente vor oder gar nicht.

Immerhin sind die Jahre vor und nach der Wende und bis heute gut vertreten, teils mit ziemlich bösen, bissigen Arbeiten. Zu diesem Zeitpunkt aber fragt man sich, ob hier nicht wieder ein Zar eine kleine Narrenfreiheit gewährt hat. Vielleicht ist das der Sinn des Ausrufezeichens im Titel: Glaubt uns, auch das ist unser Russland! (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 12. 12. 2005)

Bis 11. Jänner; und bis 15. Jänner im Guggenheim Hermitage Museum in Las Vegas: "Schätze des Kreml-Museums"

Von Michael Freund aus New York
  • Der Kreuzritter als signifikantes Motiv in der russischen Kunst des 19. Jahrhunderts: Gemälde von Viktor Vasnetsov
    foto: katalog

    Der Kreuzritter als signifikantes Motiv in der russischen Kunst des 19. Jahrhunderts: Gemälde von Viktor Vasnetsov

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