Born in the USSR

19. Dezember 2005, 22:19
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Querelen vor und nach Vergabe des russischen Booker-Preises an Denis Guzko

Moskau - Dass ein Jurymitglied des Literaturnobelpreises ein Jahr nach dessen Zuerkennung an Elfriede Jelinek mit seinem Protest an die Öffentlichkeit ging, mutete schon befremdend an. Um einiges mehr verblüfft waren dieser Tage aber noch die Teilnehmer an der Verleihung des russischen Booker-Preises, der die beste Roman-Neuerscheinung des Jahres in russischer Sprache kürt.

1991 war er als erste nicht staatliche Prämie in Russland nach 1917 gegründet worden und gilt mittlerweile als prestigereichster Literaturpreis im Land. Dazu beigetragen hat auch, dass vor vier Jahren die vom Ex-Besitzer des Ölkonzerns Yukos Michail Chodorkowski finanzierte gesellschaftliche Organisation "Offenes Russland" zum Hauptsponsor des Preises wurde. Das gab der fortan "Booker - Offenes Russland" genannten Auszeichnung die entsprechende Autonomie. Wie die Organisation allerdings dieser Tage mitteilte, endet nun ihre vierjährige Kooperation mit dem Literaturpreis Booker.

Der Hintergrund ist, dass gerade ein Gesetz durch das Parlament läuft, demzufolge ausländische Stiftungen verboten und NGOs mehr kontrolliert werden sollten. Sollte das Gesetz angenommen werden, müsste "Offenes Russland" den verschärften Weg einer Umregistrierung vornehmen. Auch würden die Büroräume der Organisation immer wieder durchsucht, seit Chodorkowski im Gefängnis sitze. Laut Organisation habe sich der Fond offenbar deshalb entschieden, "Offenes Russland" nicht mehr zum Hauptsponsor zu nehmen. "Offenes Russland" sei auch weiterhin zur Kooperation mit russischen Literaturpreisen und Schriftstellern bereit.

Die heurige Verblüffung allerdings löste der russische Schriftsteller und Vorjahrespreisträger Vasili Axjonow aus, als er sich als Vorsitzender der fünfköpfigen Jury just weigerte, den gegen seine Stimme erkorenen Nachwuchsschriftsteller Denis Guzko als Sieger bekannt zu geben. Nicht genug damit, erklärte er noch öffentlich seine Missbilligung der Entscheidung des Kollegiums, verhöhnte den Autor mehrmals, ohne ihm freilich grundsätzlich das Talent abzusprechen.

Nun mag Guzko nicht der neue Stern am russischen Literaturhimmel sein, genauso gut hätten alle anderen Autoren der Shortlist - Boris Jewsejew, Oleg Jermakow, Anatoli Najman, Jelena Tschischowa und Roman Solnzew - den mit 12.700 Euro dotierten Preis einheimsen können.

Freundschaftsdienst

Die Entscheidung der Jury nämlich ist letztlich nicht so sehr eine für Guzko als eine für das Prestige des Preises. Axjonow wollte mit allen Mitteln den Petersburger Schriftsteller und Übersetzer Anatoli Najman durchboxen. Zu diesem Zweck hatte er schon aus der Longlist alle jene entfernt, die seinem Favoriten hätten gefährlich werden können. Warum er sich so sehr für Najman einsetzte, erklären Kritiker mit einem Freundschaftsdienst oder damit, dass er in dessen Roman als positive Figur selbst vorkommt.

Guzkos prämierter Roman Ohne Weg handelt von einem gewissen Mitja, der im Gebiet des armenisch-aserbaidschanischen Konfliktes als Soldat diente und sich nun an das zivile Leben zu gewöhnen versucht. Die Adaptionsversuche münden in eine tiefe Enttäuschung: Von der Frau verlassen, wird der Held zum Gespött der Beamten, bei denen er seinen sowjetischen Pass gegen einen russischen eintauschen will. In die postsowjetische Realität der Herausbildung von Nationalstaaten, in denen sich ethnische Russen plötzlich als Ausländer wiederfanden, mischt sich die Skrupellosigkeit der aufsteigenden Neureichen.

Ohne Weg ist der zweite Roman einer autobiografischen Dilogie unter dem Titel Russkogovorjashchij (etwa "Mit russischer Muttersprache"). Guzko selbst, im georgischen Tiflis geboren, studierte Geologie, emigrierte mit 16 nach Südrussland, diente als Soldat im Kaukasus und jobbte als Sicherheitsangestellter bei einer Bank. Auch arbeitet der 36-Jährige als Journalist mit Schwerpunkt kriegerische Konflikte im Kaukasus.

Die Dilogie, deren erster Teil das Trauma des Heimatverlustes und die Schrecken des Krieges nachzeichnet, stöbert in den noch nicht verheilten Wunden einer ganzen Generation. (Eduard Steiner/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 12. 12. 2005)

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