Peking bestätigt Todesfälle bei Unruhen

16. Dezember 2005, 11:09
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Sicherheitskräfte schossen in eine protestierende Menge - Strafverfolgung einer "kleinen Zahl von Anstiftern" angedroht

Chinas Regierung hat am Wochenende zugegeben, dass die Sicherheitskräfte bei gewaltsamen Ausschreitungen in Südchina mehrere Menschen erschossen haben. Die Polizei habe im Dorf Dongzhou in der Provinz Guangdong in Notwehr das Feuer mit scharfer Munition eröffnet und dabei drei Dorfbewohner getötet, berichtete die amtliche Nachrichtenagentur Xinhua in der Nacht zum Sonntag. Acht weitere Menschen seien verletzt worden, hieß es in der Meldung, in der auch die Strafverfolgung einer "kleinen Zahl von Anstiftern" der Unruhen angedroht wird. Der Xinhua-Bericht ist die erste offizielle Bestätigung der Vorfälle vom 6. Dezember.

In dem Fischerdorf unweit von Hongkong hatten seit Monaten wütende Bauern gegen mehrere Kraftwerksprojekte protestiert, weil sie sich von korrupten Lokalbeamten um ihre Entschädigungszahlungen geprellt fühlten. Am Montag und Dienstag vergangener Woche war es dann mehrfach zur Eskalation der Gewalt zwischen Demonstranten und den Sicherheitskräften gekommen. Schließlich seien mehr als 170 bewaffnete Dorfbewohner mit "Messern, Stahlspeeren, Stöcken, Dynamit, mit Benzin gefüllten Flaschen und Sprengkörpern", auf die bewaffnete Volkspolizei losgegangen, schreibt Xinhua. Auch unabhängige Berichte von Menschenrechtsorganisationen bestätigten, dass die Dorfbewohner gewaltbereit waren.

"Es wurde bereits dunkel, als der chaotische Mob Sprengkörper auf die Polizei warf", berichte Xinhua. "Die Polizei war gezwungen, zur Warnung das Feuer zu eröffnen. In dem Chaos starben drei Dorfbewohner und acht wurden verletzt." Seit Juni hätten die Anwohner protestiert, zunächst gegen den Neubau eines nahe gelegenen Kohlekraftwerks. Erst kürzlich hätten sie die Demonstrationen auf die Baustelle eines Windparks ausgedehnt, um ihren Forderungen größeren Nachdruck zu verleihen, hieß es. Inoffiziellen Augenzeugenberichten zufolge sollen nicht bloß drei, sondern bis zu mehrere Dutzend Dorfbewohner erschossen worden sein.

74.000 Proteste

Die Ereignisse von Dongzhou sind das jüngste Beispiel einer Welle von Unruhen, die in der chinesischen Provinz immer häufiger zu gewaltsamen Ausschreitungen führen. Mehr als 74.000 Proteste verschiedener Größenordnung haben Chinas Behörden für das Jahr 2004 offiziell eingeräumt, deutlich mehr als noch im Jahr zuvor. In den meisten Fällen reagierten die Sicherheitskräfte jedoch mit Tränengas und Wasserkanonen. Amnesty International zufolge ist die Gewalteskalation als dramatisch zu bewerten: Die Polizei habe erstmals seit dem Massaker auf dem Platz des Himmlischen Friedens 1989 in Peking das Feuer auf Demonstranten eröffnet. (DER STANDARD, Printausgabe, 12.12.2005)

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    Junge chinesische Rekruten in Peking.

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