"Das Schönheitsideal ist viel zu stark, um sich zu entziehen"

11. Dezember 2005, 17:00
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Sexualpädagogin Kerstin Pirker im dieStandard.at- Interview über plastische Chirurgie und Schönheitswahn, Essstörungen und industrialisierte Stereotypen

Das Frauengesundheitszentrum Graz und die ÖGB Frauen luden zu einer Podiumsdiskussion mit dem Titel "Arbeit für Schönheit, Schönheit für Arbeit" und versuchten dabei der Frage auf den Grund zu gehen, welche Auswirkungen Schönheitsideale auf den Arbeitsmarkt hätten. Diskutiert wurde vom deutschen plastischen Chirurgen Dr. Hans Rudolph, der vor allem die gesundheitlichen Gefahren von Schönheitsoperationen in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit rückte, Mag.a Jutta Stangl von Österreichischen Gewerkschaftsbund, die vor allem Diskriminierungen aufgrund von Aussehen thematisierte und die Sexualitätspädagogin Mag.a Kerstin Pirker, die die Risiken und Gefahren der Schönheitsideale an sich thematisierte.

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dieStandard.at: Schönheitsoperationen, oder besser: Manipulationen am Körper an sich sind ja kein neues Phänomen. Trotzdem scheint das Thema seit geraumer Zeit immer mehr an Brisanz zuzunehmen, Stichwort "Swan". Woran liegt das?

Kerstin Pirker: Na ja, was daran alt ist, ist dass speziell der weibliche Körper "gestaltet" wird, dass der weibliche Körper sexualisiert ist. Was bislang die Kosmetikindustrie übernommen hat, hat sich in der extremen Form auf die Chirurgie verlagert. Es ist die Machbarkeit, die sich verändert hat. Und sozusagen die Verfügbarkeit von Schönheit. DM hat da einen Slogan: "Wer will, kann schön sein." Es ist tatsächlich zu einer Industrialisierung der Schönheitsindustrie gekommen.

dieStandard.at: Wie sieht Ihrer Meinung nach das Verhältnis zwischen Frauen und Männern im Bereich der Schönheitsoperationen aus?

Kerstin Pirker: Tatsächlich sind zwischen 80 und 90 Prozent weibliche PatientInnen, die sich beinahe 100 Prozent operierenden Männern gegenüber sehen. Die Frau wird also tatsächlich vom Mann gestaltet. Etliche Studien zeigen auch, dass die Frauen immer jünger werden.

dieStandard.at: Welche Verheißungen sind für Sie am schwerwiegendsten?

Kerstin Pirker: Zentral ist, dass die Frauen immer wieder sagen: "Ich mach das für mich. Dann fühle ich mich besser. Das ist meine freie Entscheidung." Eine scheinbar freie, selbstbewusste Handlung. Die Frage ist aber nun, wo sich das hinentwickelt, was wird zukünftig als "normal" gelten? Ein gutes Beispiel ist die Körperbehaarung von Frauen. Es ist ja natürlich, dass Frauen an allen möglichen Stellen Haare wachsen. Mittlerweile gilt das aber schon als unnatürlich. Ich höre in meinen Gruppen immer wieder, das jede doch die freie Entscheidung hätte. Das stimmt aber nicht, das Schönheitsideal ist viel zu stark.

dieStandard.at: Gibt es so etwas wie ein absolutes Schönheitsideal?

Kerstin Pirker: Natürlich ändern sich Schönheitsideale ständig. Aber grob gesagt, basiert es heute auf drei Säulen: schlank, jung und fit. Und diese Ideale werden permanent reproduziert. Wir sehen ja täglich so viele Models, ohne dass wir das merken. Schönheitsoperationen können strukturell mit Diäten auf eine Ebene gestellt werden: Die Frauen loten aus, was für sie jeweils in Frage kommt. Und auch die drei häufigsten Operationen sagen viel über diese drei Säulen aus: Augenlidoperationen, Brustvergrößerungen und Fettabsaugungen.

dieStandard.at: Wo sehen Sie die größten Gefahren in dieser Entwicklung?

Kerstin Pirker: Natürlich ist das gesundheitliche Risiko sehr groß. Aber es besteht auch eine ganz große Gefahr der Abhängigkeit. So müssen zum Beispiel Brustimplantate alle zehn Jahre gewechselt werden. Denken Sie, wenn Sie sich zum Beispiel mit dreisig die Brust operieren lassen und achtzig Jahre alt werden, wie oft sie zum plastischen Chirurgen müssen!

Der Druck auf die Frauen und Mädchen verschärft sich zusehends, die Zusammenhänge zwischen Schönheitsidealen und Essstörungen treten immer stärker zu Tage. Wird sich das jemals ändern? Ich kann nur abschließend sagen, Charme, Sinnlichkeit, Lebenserfahrung und Witz stecken weder in Botox, noch in Silikon.

(e_mu)

  • Mag.a Kerstin Pirker arbeitet als Pädagogin, Frauen- und Sexualitätsforscherin am Frauengesundheitszentrum Graz und hält regelmäßig Vorträge und Workshops zum Thema Essstörungen und emanzipatorische Sexualpädagogik.
    fgz/red
    Mag.a Kerstin Pirker arbeitet als Pädagogin, Frauen- und Sexualitätsforscherin am Frauengesundheitszentrum Graz und hält regelmäßig Vorträge und Workshops zum Thema Essstörungen und emanzipatorische Sexualpädagogik.
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