Herzverfettung

28. Dezember 2005, 13:10
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Was ich sagen werde, wenn Papa anruft - Eine Erzählung Von Paulus Hochgatterer

Die Wahrheit ist, dass sie alle keine Ahnung haben, meine Lehrerin nicht, die Sozialarbeiterin nicht, die Richterin mit ihrem gefakten Louis-Vuitton-Täschchen nicht und der Herr Oberwichtig von einem Psychogutachter sowieso nicht. Er hat ständig großkotzige Blumen in seiner Ordination stehen, die höchstens irgendwelchen Großmüttern gefallen, und er spricht überhaupt so, als bestünde der Rest der Menschheit aus lauter Volltrotteln. Sie haben alle miteinender null Ahnung, aber das ist wurscht.

Ich sage nichts

Ich gehe bei der Tür hinein und hinauf in mein Zimmer und füttere den Hamster, obwohl er eh schon so fett ist, und denke: Gleich kommt sie und sagt irgendwas, und lege mich aufs Bett, starre gegen die Decke und höre meine Kopfmusik. Da kommt sie und steht in der Tür und sagt: Der Hamster frisst schon wieder, und ich sage nichts, und sie sagt: Er wird an Herzverfettung sterben, und ich denke: Hoffentlich!, sage aber immer noch nichts. Sie setzt sich neben mich in den Sitzsack, obwohl sie keine Ahnung davon hat, wie man sich in einen Sitzsack setzt, und man muss Angst haben, dass sie sich das Knie ärgstens verdreht und den Meniskus aus der Verankerung reißt oder so. Sie schaut mich an, wie sie mich bei diesen Gelegenheiten immer anschaut, und sagt: Du weißt, er wird anrufen. Ich schließe die Augen, starre gegen die Innenseiten meiner Augendeckel und sage nichts.

Sie sagt: Er wird keine Ruhe geben. Er wird einfach anrufen. Ich sehe feine, weiße Sterne und hellgrüne Schlangenlinien. Sie sagt: Du weißt, welcher Psychopath er in Wahrheit ist. Ich schaue den grünen Linien nach, bis sie über den Rand meines inneren Gesichtsfeldes davonlaufen. Ich schüttle den Kopf, so leicht, dass kein Mensch auf der Welt es merken würde. Sie sagt: Wenn wir an einem Strang ziehen, kann er uns nichts anhaben. Ich stelle mir vor, wie wir alle an einem dicken Seil ziehen, sie und ich auf der einen und er auf der anderen Seite, und plötzlich huscht ein kleines, spöttisches Grinsen über sein Gesicht, und ich lasse das Seil aus und eine Zehntelsekunde später er auch, und sie fliegt rücklings in den Dreck.

Ich nicke

Warum lachst du?, fragt sie. Ich mache die Augen auf. Einfach so, sage ich. Du nimmst die Sache nicht ernst, sagt sie heftig, du weißt, wie er mich fertig gemacht hat. Sie packt mich an den Schultern. Sie weint. Du kannst dich doch erinnern, wie er mich fertig gemacht hat?!, sagt sie. Ich nicke. Ähnliche Dinge würde er früher oder später mit dir machen, sagt sie. Ich nicke noch einmal.

Sie erzählt von diesen alten Sachen und davon, wie früh sie schon das Gefühl hatte, dass mit ihm irgendwas nicht stimmt und dass sie ihrem Gefühl doch besser hätte gleich vertrauen sollen. Ich sehe sie plötzlich vor mir, wie sie in diesem grau-weiß gestreiften Pyjama auf der Terrasse steht, mitten im Schnee, und er ist drin und verriegelt die Tür, und sie kann nicht mehr rein und schaut so blöd, dass ich es laut hinauslachen möchte, aber weil das nicht geht, beiße ich mich innen in die Wange, ganz fest und so lange, bis ich den salzigen Blutgeschmack auf der Zunge habe.

Ich sage nichts

Du musst eindeutig sein, sagt sie und versucht aufzustehen, und ich denke: Super, sie kommt nicht einmal allein aus einem Sitzsack hoch, und ich helfe ihr. Danke, sagt sie, ich weiß, ich kann mich auf dich verlassen. Ich sage nichts.

Ich liege da, starre gegen die Decke und stelle mir arge Dinge vor: zum Beispiel, wie ich das gefakte Louis Vuitton-Täschchen der Richterin mit sauer gewordener Milch fülle oder wie ich meiner nervlich labilen Klassenlehrerin eine Zeichnung mit fünf Gräbern und einem Galgen hinlege oder wie ich an den Schreibtisch dieses Psychogutachters trete und mit dem Finger auf das Familienfoto zeige, das dort in einem Goldrahmen steht, und sage: Haben Sie aber hässliche Kinder!

Ich sage das Ärgste

Als das Telefon läutet, weiß ich genau, wer es ist, und ich weiß auch, dass sie nicht abheben wird, also stehe ich auf, gehe die Treppe hinunter ins Vorzimmer und nehme den Hörer aus der Basis. Ich bin in der richtigen Stimmung, denke ich, und ich denke, ich muss eindeutig sein, und ihr habt doch alle miteinander keine Ahnung. Ich höre dieses Räuspern, das er immer macht, bevor er etwas sagt, und danach schweigt er eine kurze Weile, auch wie immer, und in diese kurze Weile hinein sage ich das Ärgste, das mir im Moment einfällt: Fick dich. Dann lege ich auf.

Oben nehme ich den Hamster aus dem Käfig und lasse ihn über meine Hände laufen, hin und her und hin und her. Das tut er gerne. Dann hole ich eine Packung Popcorn aus meiner Schreibtischlade, und wir essen sie gemeinsam. Irgendwann werden wir beide eine Herzverfettung haben, sage ich zu ihm, und wir werden tot sein und lachen, und die anderen werden alle blöd schauen. (DER STANDARD Printausgabe, 10./11.12.2005)

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