Du bleibst da, und zwar sofort!

28. Dezember 2005, 13:10
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Der Scheidungsstreit um die Kinder ist noch ein rares literarisches Phänomen

Zwischen Keuschheitsgelübde und Kurtisane stehen in einem Lexikon, das Motive der Weltliteratur auflistet, nur fünf Stichwörter zu "Kind", die alle ohne weitere Erklärung auf die Eintragung "Herkunft" verweisen: Kind, das ausgesetzte - dann Kind, das geraubte, das untergeschobene, das vertauschte, schließlich "Kindesmord, siehe Verführer, Verführte". So erscheint ein literarisches Interesse gebündelt. Die Bücher für Kinder und Jugendliche mögen von ihren Welten handeln, in der Literatur der Großen geschieht seinesgleichen.

Im 19. Jahrhundert personifizierten mitunter in französischen und englischen Romanen, im Naturalismus verwahrloste Stadtgören oder zehnjährige Diebe die soziale Frage im Kleinen; und dem Expressionismus war der Generationenkonflikt, freilich zwischen Erwachsenen, ein Anliegen.

Im Palast liegen gelassen

Ein Jahr vor Beginn des Ersten Weltkriegs notierte Bertolt Brecht Pläne zu einem Stück, in dem eine Frau aus Angst ihr Kind umbringt, nachdem dessen Vater sie verlassen hat. Ein Jahr vor Ende des Zweiten Weltkriegs stellte Brecht den Kaukasischen Kreidekreis fertig, in dem der Streit um den Gouverneurssohn mit der bekannten sagenhaften Probe vor Gericht entschieden wird. Das brave Küchenmädchen Grusche nimmt beim Umsturz das Baby an sich, das die leibliche Mutter auf der Flucht aus dem Palast einfach liegen ließ, und bringt es durch so viele Fährnisse, dass sie diesen Michel als ihren eigenen Sohn empfindet.

Im Prozess am Schluss des Stückes stehen Blutsbande gegen Sorgerecht, und in den vorletzten Worten des Sängers erklingt die Moral: "Die Kinder den Mütterlichen, damit sie gedeihen." Zwei Frauen kommen für diese Funktion infrage, der Vater tritt nicht auf, dem kleinen Michel ist nicht einmal ein Mucks zugeschrieben. Es ist die übliche Rollenverteilung.

Die Kinder den Frauen, es sei denn, die Mütter wahren die Normen nicht, wie Emma Bovary oder Effi Briest. Ein ausgewachsener Elternstreit um Kinder ist eine moderne Errungenschaft und kaum noch in die Literatur vorgedrungen. In der griechischen Antike hatte der Vater oder auch die Mutter das Recht, ein Baby einfach wegzulegen (siehe "Kind, das ausgesetzte"), im Mittelalter betrachtete man Kinder als Minierwachsene, erst Aufklärung und bürgerliches Zeitalter "erfanden" weiter gehende Gefühle für die lieben Kleinen.

Im Rückblick

Die neuere Literatur bietet Kindheitsbilder vor allem aus dem Rückblick eines erwachsenen Erzählers. Im Antiheimatroman der 1970er-Jahre vermeint bei Franz Innerhofer das "Kind Holl" - von der Mutter abgeschoben, auf dem Hof des Vaters geschunden - bisweilen lediglich hinterm Küchentisch "eine Art Heimat" zu finden. Seither geht es immer wieder um Zucht und Züchtigung, ob bei Mitgutsch, Schwaiger, Czurda oder Henisch, Donhauser, Gstrein.

Selten sind Schilderungen wie jene im Roman Die wilden Kinder von Monika Helfer, in dem ein Mädchen aus seiner Sicht die komplizierten Familienverhältnisse erzählt: Zwei Männer fungierten schon als Vater, der dritte versteht sich mit der Mutter auch nicht gut.

Der Scheidungsstreit um die Kinder ist ein rares literarisches Phänomen. Allerdings findet sich in der Prosa eines Autors, der das Thema als Kinderpsychiater kennt, eine Entfremdung eindringlich nahe gebracht. Paulus Hochgatterer schildert in Über Raben eine Schülerin, die merkwürdig elternlos, allein in einer großen Wohnung lebt, und in Caretta Caretta geht es um einen kleinkriminellen Jugendlichen in einer sozialtherapeutischen WG, der vom Stiefvater mit der Stahlrute geschlagen wurde.

Meist fehlt der Vater. In Familiensorgen von Karl Valentin, bei dem Brecht einiges gelernt hat, tritt der Vater mit seinen Phrasen auf, ohne dass je klar wird, worum es geht. "Du bleibst da, und zwar sofort!", ruft er dem Sohn zu, und die Familie entzweit sich vollends. "Von Anfang an war mir klar: die Erwachsenen werden dich nicht begreifen", weiß der Blechtrommler Oskar, und stellt an seinem dritten Geburtstag das Wachstum ein. (DER STANDARD Printausgabe, 10./11.12.2005)

Von Klaus Zeyringer
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