"Das nennt man Solidarsystem, Herr Rauscher!"

30. Dezember 2005, 08:34
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Betrifft: Rauscher-Glosse zum Gusenbauer-Vorstoß für die "Entlastung des Mittelstandes" - ein Kommentar der anderen von Harald Krassnitzer

Sehr geehrter Herr Rauscher! Sosehr ich Sie als fachlich kompetenten und integren Journalist schätze, so sehr verwundert mich, Sie plötzlich als ungestümen Lobbyisten der Topverdiener zu entdecken.

Ja ich bekenne, ich bin einer jener Prominenten, die "gut verdienen, aber nicht superreich sind", und die Alfred Gusenbauer bei der letzten Wahl unterstützt haben.

Unterschrift und Konterfei gibt man nicht um des persönlichen Vorteils her, sondern aus Überzeugung, man kann es auch Haltung nennen, Herr Rauscher. Und wenn ich mich nächstes Jahr entscheiden muss zwischen einem Gesellschaftsmodell, das nur Wenigen einen Vorteil und Zugang zu Spitzenmedizin, Spitzenausbildung und Spitzengewinnen bringt, und einem, das allen Menschen annähernd diese Chance ermöglicht, so fällt mir meine Entscheidung sehr leicht. Dazu brauch ich nicht erst jüngst veröffentlichte Studien des Wifo zu lesen, die feststellen, dass die Schere zwischen Arm und Reich auch in Österreich immer weiter auseinander geht und immer mehr Menschen an oder unter der Armutsgrenze leben. Ihnen höhere Beiträge und Selbstbehalte abzupressen wäre nicht nur unmoralisch, sondern auch ökonomisch unsinnig.

Eine Gesellschaft kann sich nur dann weiterentwickeln, wenn möglichst viele an ihren Errungenschaften teilnehmen können. Wer hier auf das Gesetz des Sozialdarwinismus setzt, ist schlecht beraten. Also habe ich nicht das geringste Problem, wenn Alfred Gusenbauer mir 350 Euro mehr im Jahr abverlangt. Wenn ich damit meinen Beitrag leiste, dass unser Gesundheitswesen weiterhin medizinische Spitzenleistungen für alle Menschen in unserem Land unabhängig ihres Einkommens und ihres Alters erbringen kann, dann bin ich damit einverstanden.

Das nennt man Solidarsystem, und dafür, Herr Rauscher, stehen die Unterschriften und Konterfeis der Menschen, die Alfred Gusenbauer unterstützt haben.

Darüber hinaus hat es mich sehr verwundert, dass Sie in Ihrer Glosse Schauspieler, Schriftsteller und Künstler in denselben Topf wie Manager und Unternehmer gesteckt haben. Nur um kein Missverständnis aufkommen zu lassen, ich gehöre zu einer Minderheit der Künstler in Österreich, die gut verdienen, und ich bin dankbar dafür. Aber 90 Prozent der Künstler und Künstlerinnen leben hier zu Lande an der Armutsgrenze, wenn nicht sogar darunter. Und die so genannte Künstlersozialversicherung ist eine einzige Farce.

Und das in einem Land, dessen wichtigstes Markenzeichen die Kultur ist... (DER STANDARD, Printausgabe, 10.12.2005)

Harald Krassnitzer ist Schauspieler ("Tatort", "Der Winzerkönig"...)
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