Heikle Mission in der Provinz

30. Dezember 2005, 15:24
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Verhandlungen über die Zukunft der Provinz Kosovo haben begonnen - Positionen in Belgrad und Pristina scheinen unvereinbar

Nach mehr als sechs Jahren UN-Verwaltung haben die Verhandlungen über die Zukunft der Provinz Kosovo begonnen - die Positionen in Belgrad und Pristina scheinen unverträglich. Eine Lösung ist nicht in Aussicht.

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"Warum soll Belgrad gefragt werden zum Status, wozu?", sagte der Delegierte im kosovo-albanischen Verhandlungsteam, der Historiker Enver Hoxhaj. Die Zukunft des Kosovo sollten Pristina, Washington, Brüssel und New York bestimmen - sonst niemand. Hoxhaj gehört beileibe nicht zu den Hardlinern in Pristina. Genauso wenig wie der serbische Präsident Boris Tadic in Belgrad, der sich höchstens die Bildung von zwei Entitäten, einer albanischen und einer serbischen, vorstellen kann, aber sicherlich keinen souveränen Staat.

Die Kontaktfreudigkeit zwischen Belgrad und Pristina hält sich demnach in Grenzen. Als Tadic vergangenen Mittwoch in London bei einem Abendessen auf den Kosovo-Premier Bajram Kosumi traf, gab er ihm die Hand - geredet wurde nicht. Selbst wenn beide Seiten bei den Verhandlungen, die ab kommenden Jänner in Wien intensiviert werden, maximale Zugeständnisse machen, scheint ein Kompromiss nicht in Aussicht.

"Bedingte Unabhängigkeit"

Der Westen präferiert eine "bedingte Unabhängigkeit", wonach die EU den Aufbau der Polizei, der Justiz und Wirtschaft übernimmt, die Nato weiterhin für Sicherheit sorgt und der Kosovo erst bei einem EU-Beitritt volle Souveränität erhält. Ein Modell also, das sowohl die Albaner als auch die Serben ablehnen. "Eine bedingte Unabhängigkeit hatten wir schon", sagt Hoxhaj zum STANDARD.

Er plädiert für die Unabhängigkeit im Rahmen des mazedonischen Modells, Minderheitenvertreter und die lokale Verwaltung sollen gestärkt werden. Auch der Wiener Politologe Predrag Jurekovic kann einem Autonomiestatus für die Serben im Kosovo und einer Art Schutzmacht Belgrads etwas abgewinnen, ist aber gegen das "Babuschka"-Modell Belgrads, bei dem der Kosovo innerhalb Serbiens und die Kosovo-Serben im Kosovo autonom sein sollten. Eine Teilung der Provinz, die im Norden großteils von Serben bewohnt wird, die etwa zehn Prozent der zwei Millionen Kosovaren ausmachen, lehnt auch die UNO ab.

Provinz Jugoslawiens

Völkerrechtlich war der Kosovo eine Provinz Jugoslawiens, dessen Rechtsfolger Serbien-Montenegro ist, hatte aber nicht den Status einer Republik, der eine Volksabstimmung über die Unabhängigkeit ermöglicht. Allerdings, so argumentieren die Kosovo-Albaner, habe Belgrad durch die Repression in den 1980er-Jahren die Ermordung und Vertreibung der Albaner das Recht auf Einfluss verwirkt.

"Es gibt nichts, was den Kosovo und Serbien verbindet, es muss ein Schlussstrich gezogen werden", sagt Hoxhaj. Belgrad versuche den Preis für eine Unabhängigkeit unmöglich hoch zu halten. Dort ist man "off the records" tatsächlich viel realistischer. Der EU-Außenpolitikbeauftragte Javier Solana machte nun zumindest klar, dass es einen Platz für einen neuen Staat in Europa gibt. Die UN-Verhandler unter Martti Ahtisaari versuchen einstweilen die Parteien über konkrete Fragen ins Gespräch zu bringen. (awö, DER STANDARD, Printausgabe 10./11.12.2005)

  • Die Kosovaren haben ihre Kriegsführer inoffiziell quasi heilig gesprochen. 
Über das Land verstreut finden sich UCK-Denkmale wie dieses in Kamenica.
    foto: woltron

    Die Kosovaren haben ihre Kriegsführer inoffiziell quasi heilig gesprochen. Über das Land verstreut finden sich UCK-Denkmale wie dieses in Kamenica.

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