"Die Chroniken von Narnia": Wunderland? Valium!

14. Dezember 2005, 11:31
100 Postings

Seit Monaten heftig beworben, hoch dotiert und letztlich doch nur lähmender Kitsch: "Die Chroniken von Narnia"

"Die Chroniken von Narnia" liefern kindliche Idyllen und steril-brachiale Computerschlachten (jenseits) von Gut und Böse.


Wien – Es gibt eigentlich nur eine einzige Szene in diesem Film, die wirklich "stimmt": Ein kleines Mädchen will sich in einem Wandschrank verstecken, auf wundersame Weise betritt es durch eine Reihe von Pelzmänteln einen Winterwald. Dort trifft es einen Faun mit vielen Geschenkpaketen, gemeinsam trinken sie in dessen guter Stube Tee und essen Kekse, und wenn es so weiterginge, könnte man Kinder, die das wie mit Zucker versetztes Valium genossen haben, pronto ins Bett schicken. Dann hätte Die Chroniken von Narnia, basierend auf dem ersten Band von C. S. Lewis' gleichnamiger Buchserie, zumindest einen Zweck erfüllt.

Ein weiterer Zweck, den diese etwa 150 Millionen Dollar teure Disney-Produktion hingegen nicht erfüllt: Sie ist weit entfernt davon, eine dem Herrn der Ringe auch nur annähernd ebenbürtige Fantasy-Kinoserie zu etablieren – erstens weil sich die Vorlage dafür schlicht nicht eignet; zweitens, weil es bei allem Aufwand an einem mangelt: Leichtigkeit und Rhythmus.

Selten sah man digitale Kreaturen – es grunzt der Zentaur, es krächzt der Greif – monotoner und pathetischer zugleich ein Ringen zwischen Gut und Böse simulieren. Alles, was in Lewis' altväterlicher Schreibe zumindest märchenhafte Vorstellungen in Leserköpfen wecken mochte, wird hier eins zu eins umgesetzt in einen deftig kolorierten Monumentalkitsch, der an Paradies-Illustrationen aus Broschüren diverser christlicher Sekten erinnert.

Hier plappern als gute Eheleutchen zwei überproportionierte Biber. Da verschenkt ein Weihnachtsmann Waffen an zukünftige (Kreuz?-)Ritter. Und dort stirbt ein denkbar humorloser, gütiger Löwe den Opfertod, bis die Kinder, die sich ins Zauberreich Narnia verirrt haben, Königsnamen wie "Peter der Prächtige", "Edward der Gerechte" oder "Lucy die Langweilige" (sorry, da müssen wir uns verhört haben) tragen. Tilda Swinton als durchaus plausible böse Eishexe steht auf verlorenem Posten. Aber sie hat das volle Verständnis der Zuschauer: In diesem unsäglichen Narnia würde wohl jeder aggressiv.

Es ist schwer vorstellbar, dass als Regisseur dieses Schnörkelwerks Andrew Adamson fungierte: Der Mann war immerhin für die beiden heiter-boshaften Shrek-Märchenparodien verantwortlich. Aber was tut man nicht alles, wenn man als gut bezahlter Abteilungsleiter der Taskforce "Neuer Superhit" zwar viel Geld ausgeben, aber nicht zu viel Risiken eingehen darf. Mit Regie hat das nicht mehr viel zu tun. Die Menschen, die das Kleinspielzeug für die Überraschungseier entwickeln, sind meist kreativer.

Man muss sich das vorstellen: Seit einem Jahr wird dieses Unding breitflächig in allen Kinos beworben; Soundtracks mit und ohne christliches Liedgut werden dazu feilgeboten; die Geschäfte sind derzeit voll mit Narnia-Büchern, -Spielen, -Puppen. Und was erwartet einen dann im Kino? Feistes, überdotiertes, lähmendes Nichts. Ein junger Kinobesucher meinte am Donnerstag nach der Vorstellung: "Rasiergel-Werbung ist interessanter." Wie er auf den Vergleich kam? Keine Ahnung. Aber man denkt ja an alles Mögliche während dieses Films. Nichts wie raus aus diesem Wandschrank! Mottenkugelattacke! (DER STANDARD, Printausgabe, 10./11.12.2005)

Von Claus Philipp

Nachlese

"Passion Christi für Kinder": Eine Erregung
Meilenstein des Fantasykinos oder Anbiederung an US-Konservative? Die Disney-Produktion "Narnia" ist im Vorfeld ihres Kinostarts umstritten
  • Was tut im Schnee denn dieser Biber? Im Buch war er entschieden lieber! - "Die Chroniken von Narnia" - jetzt im Kino.
    foto: buena vista

    Was tut im Schnee denn dieser Biber? Im Buch war er entschieden lieber! - "Die Chroniken von Narnia" - jetzt im Kino.

Share if you care.