Wenn das Herz zu flattern beginnt

9. Dezember 2005, 18:42
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Verhaltensforscher analysieren Stress bei Gänsen - und ziehen Vergleiche zu Menschen

Mit dem Spruch "man soll Mensch und Tier nicht vergleichen" hat Verhaltensforscher Kurt Kotrschal, Leiter der Konrad-Lorenz-Forschungsstelle in Grünau im Almtal, nichts am Hut. Wenn man ihn fragt, ob man von Graugänsen auf Menschen schließen kann, antwortet er mit Ja und meint es nur ganz wenig provokant. Der springende Punkt ist, dass Graugänse - ebenso wie Menschen - sozial sind, und soziale Wirbeltiere unterliegen grundsätzlich sehr ähnlichen ökologischen Beschränkungen: So sind sie alle zur erfolgreichen Aufzucht der Jungen auf Artgenossen angewiesen.

Beim daraus folgenden Zusammenleben ergeben sich Hierarchien, in denen gewisse Fähigkeiten unabkömmlich sind, wie etwa das Erkennen der Gruppenmitglieder und das jeweils entsprechende Benehmen. Über die Stellung innerhalb der Gruppe wiederum entscheiden Faktoren wie Aggressivität, Allianzenbildung, Familienbande und so weiter. Gleichzeitig steht sozialen Wirbeltieren nur eine beschränkte Auswahl an Werkzeugen zur Verfügung: So laufen die Reaktionen auf Stress bei allen Wirbeltieren - von den Fischen über die Amphibien, Reptilien und Vögel bis zu den Säugern - physiologisch gleich ab. Auch zeichnen bei allen Gruppen dieselben Hirnzentren für soziales Verhalten verantwortlich: Hier wurde im Laufe der Jahrmillionen zwar massiv an- und ausgebaut, aber nicht umgestaltet. Wenn man diese Vorgaben akzeptiert, ist es legitim, Untersuchungen an Graugänsen - mit den nötigen artspezifischen Einschränkungen - auf andere Wirbeltiere und also auch auf den Menschen zu übertragen.

Derzeit befassen sich Kotrschal und seine Mitarbeiter im Rahmen eines vom Wissenschaftsfonds geförderten Projektes mit der Energie, die soziales Leben kostet. Soziale Interaktionen gehören zu den stärksten Auslösern von Stress, wobei Stress eine spezifische Reaktion des Körpers bezeichnet, unter anderem Blutdrucksteigerung und Ausschüttung von Katecholaminen (Stresshormonen), die jedoch durch Freude oder sexuelle Erregung ebenso ausgelöst werden kann wie durch Ärger oder Kampfhandlungen. Dementsprechend ist soziales Leben energetisch aufwändig - aber es führt kein Weg daran vorbei, denn der Fortpflanzungserfolg jedes in Gruppen lebenden Individuums hängt davon ab. Daher sollten soziale Lebewesen darauf achten, sich nicht unnötig zu verausgaben - das heißt, soziale Effizienz ist gefragt.

Um den Energieaufwand der Tiere für Sozialverhalten zu messen, verschneiden Kotrschal und seine Mitarbeiter zwei verschiedene Parameter: erstens das Zeitbudget, das jedes der 25 Untersuchungstiere für bestimmte Verhaltensweisen aufwendet, und zweitens den Herzschlag oder Puls, den es dabei hat. Zeit beziehungsweise Verhalten wird in direkten Beobachtungen festgestellt, für die Herzschlagmessung wurde den Gänsen ein zündholzschachtelgroßer Sender in die Bauchhöhle eingesetzt. Dieser schickt ein Signal an einen Laptop, wo die Herzschlag-Daten auf derselben Zeitachse festgehalten werden wie das Verhalten der Tiere. 18 Monate sollen die Sender halten, danach werden sie wieder entfernt.

--> Vorversuche an drei Männchen Vorversuche an drei Männchen, die mit Sendern ausgestattet wurden, zeigten, dass der bei Vögeln übliche Ruhepuls von 60 bis 100 Herzschlägen in der Minute bei Erregung blitzartig auf bis zu 450 steigt. Das muss jedoch nicht mit äußerlich sichtbaren Reaktionen einhergehen: Der Puls eines verpaarten Gänserichs stieg während der 30 Sekunden, in denen eine feindliche Familie in fünf Meter Entfernung sein brütendes Weibchen passierte, von 80 auf über 300, ohne dass er auch nur die geringste Aktivität zeigte (selbst wenn der Gänserich eine - nicht allzu heftige - Attacke startet, steigt sein Herzschlag kaum höher; allerdings verbraucht er dabei durch die dazukommende körperliche Aktivität mehr Energie). Sobald die ungeliebten Nachbarn vorbei waren, fiel der Puls des Männchens rapide auf den Ruhewert.

Die drei Versuchsmännchen verwendeten nur rund fünf Prozent ihrer Zeit auf soziale Interaktionen, aber sieben bis dreizehn Prozent ihrer Energie. Berücksichtigt man jedoch nicht nur das dezidierte Sozialverhalten, sondern auch andere Verhaltensweisen, die in Zusammenhang damit stehen, wie Bewegung, Lautäußerungen und so weiter, kommt man im Sozialbereich auf eine energetische Investition von 20 bis 30 Prozent der Gesamtenergie. Das ist viel, und wer es schafft, mit weniger Aufwand zum selben Ergebnis zu gelangen, sollte gegenüber seinen Artgenossen im Vorteil sein.

Dementsprechend rechnen Verhaltensforscher Kotrschal und seine Mitarbeiter mit individuellen Unterschieden bei der sozialen Effizienz. Als hauptsächliche Faktoren (neben einigen anderen), die diese Unterschiede bedingen, sehen sie Geschlecht, Lebensgeschichte, Jahreszeit, Persönlichkeit und soziale Einbettung an. Was die Persönlichkeit betrifft, wiesen die drei untersuchten Gänsemännchen tatsächlich bei der jeweils gleichen Verhaltensweise unterschiedliche Herzschlagraten auf.

Die im Laufe der wissenschaftlichen Forschungen dazu erhobenen Verhaltensdaten legen nahe, dass forschere Tiere einen niedrigeren Ruhepuls haben als zurückhaltendere, dafür aber auf sozialen Stress schneller und mit höherem Puls anspringen.

Ein wichtiger Punkt für die Effizienz des Zusammenlebens dürfte die soziale Einbettung sein. Außerhalb der Paarungszeit leben Graugänse in Schwärmen, in denen die größten Familien den höchsten Rang einnehmen. Das wirkt sich offenbar stressreduzierend aus: Obwohl Weibchen sehr viel Energie in die Eiproduktion investieren müssen, haben Gänse-Mütter, die in einem Jahr viele Junge hatten, im nächsten Jahr wieder viele. Das dürfte an der Unterstützung liegen, die Familienangehörige einander bei Konflikten leisten. Tatsächlich scheiden die Vögel desto weniger Stress-Hormone aus, je größer die Familie ist, und es kommt auch zu deutlich weniger Interaktionen mit Nachbarn.

Ein wichtiger Stressreduktionsfaktor ist übrigens auch der richtige Partner. Über den Erfolg eines Paares dürfte vor allem seine Übereinstimmung in Persönlichkeit und Verhaltensweisen bestimmen. Vor diesem Hintergrund sollte die Partnerwahl bei sozialen Lebewesen nicht nur nach den genetischen Vorzügen eines Partners erfolgen, sondern auch nach dessen sozialen Qualitäten.

Soziale Einbettung ist erwiesenermaßen auch für das soziale Wesen Mensch ein ganz wesentlicher Faktor bei Gesundheit und Lebenserwartung. Schon die Anschaffung eines Hundes kann bei Alleinstehenden etwa das Herzinfarktrisiko mindern. Und in Spezialfällen ist der Hund tatsächlich der "bessere Mensch": Versuchsteilnehmer, die ein kognitives Problem erst allein, dann im Beisein einer bekannten Person (die aber nicht helfen durfte) und schließlich ihres Hundes lösen sollten, schnitten durchwegs am besten ab, wenn ihnen das Tier zur Seite stand. (Susanne Strnadl/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 10./11. 12. 2005)

  • Herzschlagdiagramm eines Gänserichs: Allein das Zuschauen, wie sich eine fremde Familie an sein Weibchen annähert (1) und an diesem vorbeigeht (2), treibt den Herzschlag des Tiers in die Höhe.
    grafik: standard

    Herzschlagdiagramm eines Gänserichs: Allein das Zuschauen, wie sich eine fremde Familie an sein Weibchen annähert (1) und an diesem vorbeigeht (2), treibt den Herzschlag des Tiers in die Höhe.

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