Es liegt nicht an den Maden

27. Dezember 2005, 17:02
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Vor einer Woche schilderte ich, wie mich Hans Dichand mit seiner Kolumne Von der Kraft der "Krone" überzeugte ...

Vor einer Woche schilderte ich an dieser Stelle, wie mich Hans Dichand mit seiner Kolumne Von der Kraft der "Krone" überzeugte, dass sein Blatt die glaubhafteste Tageszeitung sei. Als ihr Herausgeber muss er es wissen und der Nation in Glaubensstärke vorangehen. Vor allem würdigte ich die Rolle der Leser als Mitarbeiter des Herausgebers bei der täglichen Betonierung der von ihm intendierten Blattlinie auf der Leserbriefseite unter der euphemistischen Behauptung Das freie Wort. Cato sieht sich daher nur selten genötigt, selbst frei das Wort zu ergreifen, um Politiker leitartikelmäßig an seine publizistische Ohnmacht zu erinnern, was den Unterhaltungswert der "Krone" senkt, ohne ihrem stilistischen Niveau zu schaden.

Einer angemessenen Reaktion gewärtig, ging ich vergnügt ins Wochenende - und wurde nicht enttäuscht. Nachdem ich schon geglaubt hatte, es als Zeichen von Resignation deuten zu müssen, dass die ergreifende Schilderung der Kraft der "Krone" nach zweimaligem Erscheinen abgesetzt worden war, wurde sie am Montag, nach einer Woche, unverändert wieder ins Blatt gerückt. Diesmal waren für die Werbung eines Abonnenten allerdings nicht mehr 100 € beziehungsweise ein Fotoapparat ausgelobt, sondern nur noch die Autobahnvignette für 2006, was einen markanten Preisverfall bei "Krone"-Abonnenten darstellte. Endlich wurde einmal etwas billiger - dank Hans Dichand! Allerdings nur für einen Tag, denn seither ist das Protzen mit der Kraft der "Krone" wieder vorbei. Vielleicht aber nur bis übermorgen.

Es war aber nicht diese Geiz-ist-geil-Aktion, die ich erwartet hatte - klar, der Mann muss seine Cents zusammenhalten. Meine Erwartung erfüllte sich auf der Leserbriefseite, wo eine höhere Macht dem publizistischen Spiegelmenschen, der mit Hans Dichand in permanentem osmotischen Gesinnungsaustausch stehen muss, den besten Platz links oben eingeräumt hatte. Es war jener F. W., Wien, der sich wegen der Flut seiner Beiträge längst eine Bestallung als ordentlicher Redakteur verdient hätte, bisher aber mit einer einmaligen kurzen Würdigung seiner Person samt Foto in der Beilage abgespeist wurde, was angesichts seiner Verdienste als Beiträger zur Kraft der "Krone" ausgesprochen schofel ist.

Wenn eine Zeitung nur einen Bruchteil der "Krone"-Auflage verkauft, weil es halt nicht so viele Intelligenzbestien im Lande gibt, die dem "Standard"-Niveau entsprechen, dann sind eben Neidkomplexe ganz natürlich, und es wird versucht die Konkurrenz madig zu machen, wies er mich zurecht, ohne Zweifel ganz spontan und aus dem Bedürfnis eines reinen Herzens. Was die Natürlichkeit meines Neidkomplexes betrifft, lasse ich mit mir reden, aber dass ich je versucht hätte, die Konkurrenz madig zu machen, weise ich zurück. Es liegt nicht an den Maden, wenn es halt nicht so viele Intelligenzbestien im Lande gibt, dass hier endlich eine Medienpolitik stattfinden könnte, die diesen Namen verdient.

Offensichtlich - so schloss F. W. kühn aus meinem Text - lesen auch viele "Standard"-Leser die "Krone" (mitsamt der Leserbriefseite) - was umgekehrt eher weniger der Fall sein dürfte. Das muss nichts mit der Intelligenzbestialität zu tun haben, und es gilt auch nicht in seinem Fall - woher hätte er sonst wohl die Anregung zu seiner Reaktion nehmen können? Es sei denn, ein anderer hat ihn vorgeschickt. Er ist nämlich ziemlich gut darüber informiert, was für die "Krone" ein Problem darstellen könnte, und was nicht. Fast schon so gut wie ein Herausgeber. Wenn es für ein Gutmenschenblatt auch anrüchig sein mag, die Meinung der Leser als "Leitartikel" zu akzeptieren - die "Krone" hat kein Problem damit, und der Erfolg gibt ihr Recht.

Für so viel Leser-Blatt-Bindung sollte ihm Dichand wenigstens die Autobahnplakette 2006 verleihen. Das hätte sich F. W. schon damit verdient, dass er die Feststellung, in der "Krone" ersetze die gelenkte Leserbriefseite den Leitartikel eingangs als natürlich ironisch-gehässig gemeint diffamiert, um sie am Ende als Erfolgsrezept des Blattes zu bekräftigen.

Es ist aber nicht das einzige Erfolgsrezept des Herausgebers, ein anderes ist seine Symbiose mit der Wiener SPÖ. Die nimmt immer originellere Formen an, obwohl man das bei der zweifellos gut abgesicherten Beweihräucherung - unter anderem - des Wohnbaustadtrates gar nicht mehr für möglich halten würde.

So fand sich am 3. Dezember im Blatt ein ganzseitiger Beitrag der Bestattung Wien - Ein Unternehmen der Wiener Stadtwerke, der unter dem mit einem Friedhofsfoto unterlegten Titel Wir trauern um 25 Todesanzeigen für zum Teil bereits Anfang Oktober Verstorbene brachte, selbst aber nicht als Anzeige gekennzeichnet war. Dabei muss man nichts Falsches denken. Vielleicht handelte es sich einfach um ein Entgegenkommen des Herausgebers sub specie aeternitatis, was den von ihm gern benutzten Majestätsplural in Wir trauern um erklären würde. Und die Information Rund um die Uhr erreichbar: Telefon 01/50195-0 ist lupenreiner Leserservice. (DER STANDARD; Printausgabe, 10./11.12.2005)

Von Günter Traxler
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