Und jetzt Mladic!

9. Dezember 2005, 17:57
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Die Verhaftung Gotovinas ist das Ende eines Katz-und-Maus-Spiels - von Adelheid Wölfl

Die schiefe Optik ist weg. Die kroatische Regierung steht nicht mehr unter Verdacht, den mutmaßlichen Kriegsverbrecher, Ex-General Ante Gotovina, vor der Auslieferung zu schützen. Wenn Gotovina sich demnächst vor dem Haager Gericht für die Vertreibung von 150.000 bis 200.000 Serben aus der Krajina und für die Ermordung von 150 serbischen Zivilisten verantworten muss, dann ist das nicht nur ein dringend erforderlicher Erfolg für das Kriegsverbrechertribunal. Es ist auch ein Erfolg für all jene, die daran arbeiten, dass die Verantwortlichen für die Grausamkeiten während des Bruderkriegs in Ex-Jugoslawien benannt werden und sie nicht als Helden ins Reich der nationalen Mythen verschwinden. Die abstrusen Sympathiekundgebungen einiger kroatischer Politiker für den Ex-General und die Proteste der Veteranen in Zagreb zeigen, dass dieser Prozess auch im EU-Beitrittsland Kroatien noch einige Zeit dauern wird. Mit dem Gerichtsfall Gotovina werden die Kroaten auch die mögliche Beteiligung des verstorbenen Präsidenten Franjo Tudjman an den Verbrechen bei der Rückeroberung der Krajina erkunden müssen. Das ist wohl das Beste, was sie für ihre Europareife tun können. Jeder Versuch aber, die Bedingungen des Haager Tribunals aufzuweichen, ist schlecht für alle ehemaligen Kriegsländer am Balkan. Die Verhaftung Gotovinas ist das Ende eines Katz-und-Maus-Spiels, in dem der Angeklagte jahrelang die internationale Gemeinschaft foppte. Und sie ist ein Auftrag an Serbien, das hoffentlich endlich unter Zugzwang gerät. Die für die größten Verbrechen während des Krieges angeklagten Serben Radovan Karadzi´c und Ratko Mladic laufen frei herum. Die radikalen Nationalisten aber haben in Belgrad Zulauf, gerade weil sich das Land bisher völlig weigerte, sich der Vergangenheit zu stellen. (DER STANDARD, Printausgabe, 10.12.2005)
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