"Sinnlos, nachts Jogurt zu verkaufen"

21. Dezember 2005, 14:38
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Frank Hensel, Deutscher im Vorstand bei Rewe Austria, im STANDARD-Gespräch über das spezifisch Österrei­chische, Öffnungs­zeiten und die Zeit nach Veit Schalle

STANDARD: Wie gefällt es Ihnen in Österreich?

Hensel: Gut. Ein tolles Land, Wien ist eine noch tollere Stadt. Es war ein Wunschziel von mir, hierher zu kommen. Vieles Italienische finde ich wieder.

STANDARD: Rewe muss in Österreich die Diskontschiene Penny forcieren, dies wird dem Vernehmen nach von Köln aus gesteuert. Warum das?

Hensel: Wir als Händler machen das Geschäft in dem Land, wo wir sind. Wenn Sie in die Penny-Läden schauen, dann werden Sie feststellen, dass wir ein österreichisches Unternehmen sind. Darüber hinaus ist Österreich eines der kompliziertesten Länder bei der Raumordnung. Die Expansion könnten Sie gar nicht von Deutschland aus steuern.

STANDARD: Wie stark wird der Diskont noch werden?

Hensel: Der generellen Tendenz können wir uns nicht entziehen. Wir sind als Rewe Austria in der glücklichen Lage, dass wir über mehrere Vertriebsschienen verfügen. Aber ich glaube, dass der Diskont in Österreich nicht die Marktanteile wie in Deutschland bekommen wird. Österreich ist anders. Gutes Essen hat einen anderen Wert.

STANDARD: Wo sehen Sie die Sättigungsgrenze?

Hensel: Aus meiner Sicht zwischen 30 und 35 Prozent, eher noch darunter. In Deutschland haben wir 45 Prozent.

STANDARD: Ist es für Sie schon erkennbar, ob der vorweihnachtliche Optimismus im Handel gerechtfertigt ist?

Hensel: Oktober, November waren sehr gut. Wir sind optimistisch, dass wir das mitnehmen können.

STANDARD: Wie läuft es bei Bipa vor Weihnachten?

Hensel: Zumindest nicht schlechter als im Vorjahr.

STANDARD: Nebenbei gefragt: Es gibt Gerüchte, dass Bipa verkauft werden soll.

Hensel: Gerüchte kommentiere ich eigentlich nicht. Aber: Bipa ist vom Erfolg her eine der besten Vertriebslinien, wir sind unbestrittener Marktführer. Warum sollten wir Bipa verkaufen? Was in Deutschland gemacht wurde, hat mit Österreich nichts zu tun (Verkauf der Idea-Märkte an DM).

STANDARD: In Österreich wird wieder einmal die Sonntagsöffnung diskutiert. Was ist Ihre Meinung dazu?

Hensel: Ich bin Händler, und Händler wollen prinzipiell immer aufmachen, um zu verkaufen.

STANDARD: Das scheint nicht bei allen in Österreich so zu sein.

Hensel: Ich kenne von meinem Background - ich war neun Jahre weder in Deutschland noch in Österreich - alle Welten: von der völligen Liberalisierung bis hin zu ähnlichen Regelungen wie hier. Das eine Extrem - 24 Stunden, sieben Tage offen - stelle ich als Mensch und Christ infrage. Es hat auch für uns keinen Sinn, nachts um drei Jogurt zu verkaufen, macht auch keinen Spaß von den Personalkosten her. Andererseits passt das zu Restriktive auch nicht mehr. Unser Berufsleben hat sich geändert. Der Sonntag ist eine Diskussion wert, aber sicher nicht unser Hauptproblem. Es ist die Flexibilität. Ich möchte vielleicht montags erst um zehn Uhr aufsperren, an anderen Standorten vielleicht schon um sechs Uhr, weil Bedarf da ist.

STANDARD: Und am Sonntag?

Hensel: Wo Touristen sind, da sollte man das in Erwägung ziehen - und jedem sollte es freigestellt sein zu öffnen oder nicht. Flächendeckend sehe ich keine Notwendigkeit. Und, was für uns dazugehört, die Mitarbeiter muss man motivieren, dass sie das nicht als Nachteil empfinden.

STANDARD: Glauben Sie an Arbeitsplatzeffekte?

Hensel: Für bestimmte Branchen wird es Effekte geben, weil man mit mehr Zeit für den Kunden Kaufanreize schaffen wird können. Im Lebensmittelhandel würde das nicht ganz so stark sein.

STANDARD: Was wird bei Rewe Austria der größte Unterschied zur Ära Veit Schalle sein - außer das Fakt, dass Vorstände jetzt Interviews geben?

Hensel: Jeder hat andere Schwerpunkte. Mit dem Ende der Ära Schalle (als Generalbevollmächtigter, Anm.) betrachtet sich der Vorstand als Team. Der Rest ist normales Geschäft. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 10./11.12.2005)

Zur Person

Der Deutsche Frank Hensel (47) ist bei Rewe Austria (sieben Mrd. € Umsatz, 50.000 Mitarbeiter) für Einkauf, Eigenmarken, Merkur, Bipa, Penny und Billa Italia zuständig.

Das Gespräch führte Leo Szemeliker.
  • Artikelbild
    foto: standard/robert newald
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