Silvesternacht dauert heuer länger

20. Dezember 2005, 12:30
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Anziehungskraft des Mondes als Bremsklotz: Erstmals seit sieben Jahren wird wieder eine Schaltsekunde eingeschoben

Genf - Die Sylvesternacht dauert heuer länger als sonst, wenn auch nicht viel länger: Um 0 Uhr 59 und 59 Sekunden Mitteleuropäischer Zeit dauert es nicht eine, sondern zwei Sekunden, bis es eins ist. Die Internationale Telekommunikationsunion (ITU) hat nämlich beschlossen, in die geltende Weltzeit eine Schaltsekunde einzufügen.

Dies erscheint notwendig, weil sich die Erde immer langsamer dreht - die Anziehungskraft des Mondes wirkt wie ein Bremsklotz. Deshalb fällt die astronomische Zeit gegenüber der Zeit der Atomuhren zurück, alle paar Jahre um eine Sekunde. Die Forderung, diese Abweichung künftig in Kauf zu nehmen und die Schaltsekunde abzuschaffen, scheiterte nun auf einer ITU-Tagung in Genf. Die Gegner der Schaltsekunde bemängeln, dass manche elektronischen Geräte die Zeitumstellung nicht bewältigen könnten. Die Entscheidung wurde auf kommendes Jahr vertagt.

Streit um die Zeitrechnung hat Tradition. Doch früher ging es um die Einteilung in Monate und Stunden, nicht um Sekunden. Heutige Atomuhren jedoch lassen weitaus präzisere Messungen zu, sie zerlegen die Sekunde in mehr als neun Milliarden Teile: Eine Atomsekunde ist der Zeitraum, in dem Mikrowellen, die von ganz bestimmten Cäsiumatomen ausgehen, 9,192.631.770 Schwingungen vollziehen. Eine Atomsekunde ist der 84.000ste Teil eines Tages. Seit 1967 lebt der Mensch im Takt der Cäsiumatome. Die seither geltende "Koordinierte Weltzeit" (UTC) basiert auf etwa 200 Atomuhren. Diese offenbarten, dass sich die astronomischen Rahmenbedingungen verändern: die Tage werden länger, die Erdrotation wird langsamer.

Gleichmäßige Rotation

Deshalb fügte die ITU seit 1972 mittlerweile 22 Schaltsekunden (entweder am 1. Juli oder 1. Jänner) in die Weltzeit ein. In den letzten sieben Jahren jedoch hat es keine Schaltsekunde gegeben. Die Erde drehte sich in dieser Zeit mit gleichmäßiger Geschwindigkeit. Vermutlich haben Massenverlagerungen im Erdinneren den Planeten beschleunigt und die Bremswirkung des Mondes konterkariert. Auch das schwere Tsunami-Erdbeben Ende 2004 in Südasien verpasste der Erde einen zusätzlichen Drall - es verkürzte die Tageslänge aber nur um acht Millionstel Sekunden.

Die Delegation der USA forderte auf der ITU-Tagung die Abschaffung der Schaltsekunde. Als Kompromiss bot sie die Regelung an, Schaltstunden einzuführen, wenn die Abweichung entsprechend angewachsen ist - alle paar hundert Jahre. In ihrem Antrag machte die US-Arbeitsgruppe geltend, dass die Zeitumstellung Computer durcheinander bringen kann. Sie fürchtet eine Art Datenschluckauf, schließlich müssen vernetzte Rechner auf Mikrosekunden im Gleichtakt arbeiten. Mehrfach soll es solche Probleme gegeben haben: Am 1. Jänner 1996 habe eine US-Radiostation aufgrund eines Computerfehlers die falschen Programme gesendet. Am 1. Juli 1997 soll das russische Navigationssatelliten-System aufgrund der Schaltsekunde einen Tag lang ausgefallen sein.

Das US-Satelliten-Navigationssystem GPS berücksichtigt keine Schaltsekunden. Das scheint ein Grund für den Antrag der USA zu sein, die Zeitumstellung abzuschaffen. Denn im Januar hinkt das GPS bereits 14 Sekunden hinter der Weltzeit hinterher - und damit hinter der von Flugzeugen und anderen Verkehrsmitteln verwendeten Zeit. Experten aus anderen Ländern lassen Befürchtungen, es bestünde aufgrund der Zeitdifferenz erhöhte Unfallgefahr, nicht gelten: "Schlampig programmierte Software ist das Problem, nicht die Schaltsekunde", sagt Andreas Bauch von der Technischen Universität Braunschweig, an der in Deutschland die Atomzeit gemessen wird. Gleiches gelte für andere Computer.

Absehbare Probleme

Die Abschaffung der Schaltsekunde würde ihrerseits für Schwierigkeiten sorgen. Astronomische Beobachtungsgeräte wie Teleskope und Satelliten sind auf die Anpassung der Zeit angewiesen, damit sie Sterne exakt anpeilen können - die regelmäßige Zeitanpassung garantiert, dass Himmelskörper immer zur gleichen Zeit am selben Ort zu finden sind. Es gibt auch kulturelle Kritik: Mit der Abschaffung der Schaltsekunde würde die Menschheit sich nach mehr als 5000 Jahren von der erdgebundenen Zeit lösen, betont Bauch. Die Konsequenzen müssten unsere Nachfahren tragen. Sie wären dazu gezwungen, die Zeit umzustellen, um nicht irgendwann im Dunkeln mittagzuessen. (Axel Bojanowski/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 9.12. 2005)

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