"Zeit"-Korrespondent festgenommen

10. Dezember 2005, 16:17
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Bei Recherche über Umweltverschmutzung - Vorwurf der "illegalen Interviews"

Peking - Der Pekinger Korrespondent der Wochenzeitung "Die Zeit", Georg Blume, ist am Freitag in der Nähe von "Krebsdörfern" an einem schwer verschmutzten Fluss in Zentralchina von der Polizei festgenommen worden. Ihm seien "illegale Interviews" vorgeworfen worden, berichtete Blume telefonisch. Er wurde in einem Hotel der Stadt Shenqiu (Provinz Henan) festgehalten. Der Journalist hatte in einem der 20 Dörfer entlang des mit Schadstoffen verschmutzten Shaying Flusses recherchiert, wo die Krebsraten seit den 90er Jahren dramatisch gestiegen sind. In dem 2.400 Einwohner zählenden Dorf Huangmengying sind bereits mehr als 120 Menschen an Krebs gestorben.

Verhör

"Ich bin den ganzen morgen von der Polizei verfolgt worden und hatte deswegen alle Interviews abgesagt", berichtete Blume. Die Polizei habe sein Taxi dann an einer Mautstelle auf der Autobahn angehalten und ihn nach Shenqiu zum Verhör gebracht. Die Deutsche Botschaft in Peking ist eingeschaltet. Die Umweltkatastrophe in Nordostchina, wo ein 100 Kilometer langer Abschnitt des Songhua Flusses nach einem Chemieunfall verseucht worden war, hatte ein Schlaglicht auf die zunehmende Wasserverschmutzung in China geworfen.

Grundwasser

Das Schicksal der "Krebsdörfer" wird auch in den staatlich kontrollierten chinesischen Medien behandelt. Danach wirft der Dorfvorsteher von Huangmengying einer Papierfabrik und anderen Industriebetrieben flussaufwärts vor, "rücksichtslos" unbehandelte Abwässer in den Fluss zu leiten. Besonders Menschen an Bächen und Teichen, die Wasser aus dem Fluss beziehen, leiden an Darm- und Speiseröhrenkrebs. Das Gesundheitsamt von Shenqiu fand auch hohe Konzentrationen von Mangan und Nitrat im Grundwasser des Dorfes. (APA/dpa)

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