"Weihnachten hat so keine Zukunft"

21. Dezember 2005, 14:38
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Freizeitforscher Peter Zellmann plädiert im STANDARD-Interview für die Aufhebung des Verkaufsverbots am Sonntag - Absicherung der Mitarbeiter inklusive

STANDARD: Wie erklärt sich der Konsumrausch, der die Menschen Jahr für Jahr speziell in der Vorweihnachtszeit befällt?

Zellmann: Es gibt zwei emotionale Höhepunkte im Jahr: Das ist der Urlaub und das ist Weihnachten. Darauf freuen wir uns, darauf bereiten wir uns vor. Und zählen die Tage, bis es so weit ist.

STANDARD: Konditioniert von der Urlaubs- und Freizeitindustrie?

Zellmann: Zunächst muss man sehen, dass es diese Bedürfnisse, diese emotionale Erwartungshaltung der Menschen ja gibt. Das kommt sozusagen vor dem Kommerz.

STANDARD: Für den Handel bedeutet Weihnachten jedenfalls Hochsaison.

Zellmann: In der freien Marktwirtschaft ist es durchaus erlaubt zu sagen: Diese Stimmungslage der Menschen mache ich mir zunutze, damit verdiene ich Geld.

Mich stört, dass dieselben Menschen, die von Montag bis Freitag Konsum predigen, weil die Wirtschaft sonst angeblich zusammenbricht, samstags und sonntags mit erhobenem Zeigefinger dastehen und sagen, eigentlich ist das eine Werthaltung, die man ablehnen muss. Das ist schizophren.

STANDARD: Immer mehr Menschen wollen sich dem Konsumdiktat entziehen ...

Zellmann: ... und tun das auch zunehmend. Es gibt Haushalte, die haben beschlossen, mit dem Geschenketausch aufzuhören. Die Kinder basteln für die Eltern, diese nehmen sich Zeit für die Kinder. Dort wird auch wieder mehr kommuniziert.

STANDARD: Hat Weihnachten eine Zukunft?

Zellmann: In heutiger Form sicher nicht. Veränderung passiert nicht von heute auf morgen, so etwas vollzieht sich längerfristig. Ich traue mich aber zu sagen, dass Weihnachten in 30, 40 Jahren kein Konsumfest mehr sein wird.

STANDARD: Was heißt das für die Handelsunternehmen?

Zellmann: Dass sie gut beraten sind, den Einkaufshype zu Weihnachten, den so niemand will, in Kleinerlebnisse des Alltags zu zerlegen.

STANDARD: Sie plädieren für eine Entflechtung?

Zellmann: Davon hätten alle etwas: Der Handel selbst, vor allem aber auch die Konsumenten. Der Stressfaktor würde sinken, die Zufriedenheit immens steigen.

STANDARD: Der Handel fürchtet allerdings um seine Einnahmen.

Zellmann: Zu Unrecht. Die Summe, die jeder und jede von uns pro Jahr ausgeben kann, verändert sich kaum. Eine Durchschnittsfamilie, die zu Weihnachten viel ausgibt, muss vorher sparen, um sich die Ausgaben leisten zu können. Fällt Weihnachten weg, fließt das Geld gleichmäßiger übers ganze Jahr verteilt in die Kassen des Handels.

STANDARD: Was ist mit Weihnachts- und Urlaubsgeld?

Zellmann: Das hatte immer die Funktion, den Konsum zu bestimmten Zeiten anzukurbeln. Analog zum vorhin Gesagten wäre es vernünftiger, dieses Geld den Anspruchsberechtigten mit den monatlichen Lohn- und Gehaltszahlungen zukommen zu lassen.

STANDARD: Wie lange wird es sich eine Stadt wie Wien noch leisten können, im touristischen Wettbewerb mit anderen Städten das Öffnen der Geschäfte sonntags zu verbieten?

Zellmann: Nicht mehr lange. Verbieten und zusperren ist immer schlecht. Zu klären ist aber, wie der einzelne Handelsangestellte bestmöglich geschützt werden kann.

STANDARD: Wieso kann man nicht sagen, wer will, kann aufsperren, wer nicht will, soll geschlossen halten - bei Einhaltung der arbeits- und sozialrechtlichen Auflagen?

Zellmann: Das könnte man machen. Man sollte aber gleichzeitig den Mitarbeitern die Möglichkeit geben, mit den Betriebsinhabern Vereinbarungen über die Sonntagsarbeit zu schließen, die dann auch einklagbar sind. Das wäre ein Demokratisierungsschub. Weiters könnte man sagen, die Sonntagsöffnung ist etwas für kleine Unternehmen, nichts für Supermärkte.

Das wäre für die Nahversorgung gut und würde den Greißlern gegen große Ketten helfen. Drittens würde ich die Gesamtanzahl an Wochenstunden, während der die Geschäfte offen halten dürfen, zwar festschreiben, aber jeden Betrieb selbst entscheiden lassen, wann er das tun will.

STANDARD: Sollte die Ladenöffnung auf touristische Zonen begrenzt bleiben?

Zellmann: Nein, das ist ja nur die durchaus erlaubte Einstiegsdroge. Für den Tourismus ist die Zustimmung von Menschen, die an und für sich gegen die Öffnung der Geschäfte am Sonntag sind, eher noch gegeben. Wenn man konsequent sein will, muss man das aber generell freigeben, weil zwischen Freizeit und Tourismus kein Unterschied besteht.

Touristen sind Einheimische auf Zeit, die hier Freizeit mit uns verbringen. 50 Prozent der Österreicher fahren nicht weg, sondern verbringen ihren Urlaub zu Hause. Warum ist das kein Tourismusgebiet, wo die einkaufen gehen?

STANDARD: Werden Reiseentscheidungen danach getroffen, ob Geschäfte offen sind?

Zellmann: Sicher nicht. Das ist zwar vor Ort ein willkommener Effekt, eine Reisebeeinflussung findet dadurch aber nicht statt.

STANDARD: Der Kaufkraftabfluss, der bei der Diskussion um die Sonntagsöffnung in Wien ins Treffen geführt wird, ist demnach kein gutes Argument für das Aufsperren der Geschäfte?

Zellmann: Es gibt ehrlichere und auch vernünftigere Gründe, warum es gut wäre, die Ladenöffnung zu ermöglichen. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 09.12.2005)

Zur Person

Peter Zellmann (57) studierte Pädagogik, Psychologie und machte die Lehramtsprüfung für Sport und Geografie. Das Wiener Institut für Freizeit- und Tourismus­forschung leitet er seit 1987. In den Neunzigerjahren nahm Zellmann verschiedene Lehraufträge an Universitäten in Deutschland und Österreich an. Seit 2000 ist er Lehrbeauftragter an der Wirtschaftsuniversität Wien.

Das Gespräch führte Günther Strobl
  • Der Freizeitforscher Peter Zellmann geht davon aus, dass für Weihnachten als Konsumfest die Jahre gezählt sind und dass künftig Alltagsinszenierungen mehr Gewicht bekommen.
    foto: der standard/heribert corn

    Der Freizeitforscher Peter Zellmann geht davon aus, dass für Weihnachten als Konsumfest die Jahre gezählt sind und dass künftig Alltagsinszenierungen mehr Gewicht bekommen.

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