"Es wird eine Entschädigung geben müssen"

13. Dezember 2005, 10:34
14 Postings

Karen Koning AbuZayd, Leiterin des UN-Hilfswerks für die palästinensischen Flüchtlinge, im STANDARD-Interview

Die Grenzen zum Gazastreifen müssen offen bleiben, meint die Leiterin des UN-Hilfswerks für die palästinensischen Flüchtlinge (UNRWA), Karen Koning AbuZayd, gegenüber András Szigetvari.

***

STANDARD:Der israelische Abzug aus dem Gazastreifen, die Öffnung des Grenzüberganges Rafah zwischen Ägypten und Gaza: In den letzten Monaten scheint es einige Fortschritte gegeben zu haben. Hat sich die Situation für die Palästinenser in Gaza spürbar verbessert?

AbuZayd: Nach dem Abzug passierte zunächst einmal gar nichts. Die Grenzen blieben komplett geschlossen. Aber seit der Öffnung des Grenzüberganges Rafah und seit Israel wieder mehr Palästinenser zum Arbeiten einreisen lässt, schöpften die Menschen wieder Hoffnung. Doch am vergangenen Wochenende kam es wieder zu Zusammenstößen in Gaza, dann folgte der Selbstmordanschlag in Netanya.

Die Israelis haben scharfe Vergeltung angekündigt, die Grenzen könnten geschlossen werden. Das macht uns große Sorgen, denn nächste Woche beginnt die Ernte in den Gewächshäusern (Rund 1100 Gewächshäuser der früheren Siedler wurden von den Palästinensern übernommen, Anm.). Die Grenzübergänge müssen geöffnet bleiben, damit die Produkte ausgeführt werden können.

STANDARD: Nach dem Gaza-Abzug war von der Errichtung des ersten palästinensischen See- hafens die Rede. Gibt es da Fortschritte?

AbuZayd: Nun, es hat uns gewundert, dass die Israelis dem Bau des Hafens nicht gleich zugestimmt haben. Denn es würde zwei oder drei Jahre dauern, bis der Hafen fertig gestellt wäre, Fragen der Sicherheitskontrollen würden sich also zunächst gar nicht stellen. Aber der Bau des Hafens würde vielen Menschen Arbeit verschaffen, das wäre ein richtiger Boom.

Es gibt nach wie vor Gespräche zwischen Palästinensern und Israelis unter Vermittlung des Sonderbeauftragten des Nahostquartetts, James Wolfensohn. Die niederländische Regierung hat bereits in der Vergangenheit Interesse angemeldet, den Seehafen zu errichten, und sie wären auch nach wie vor daran interessiert. Aber solange die Gewalt anhält, ist das Risiko für Investoren zu hoch.

STANDARD: Es gibt immer wieder heftige Kritik an der Flüchtlingsdefinition der UNRWA, weil auch die Nachkommen der zwischen 1946 und 1948 aus Palästina geflohenen Menschen als Vertriebene gelten, wohingegen das UN-Flüchtlingshochkommissariat Nachkommen nicht mehr als Flüchtlinge zählt.

AbuZayd: Aber das ist nun einmal die international anerkannte Definition der palästinensischen Flüchtlinge. Es hilft den Israelis nicht, wenn sie sagen, die Nachfahren der Flüchtlinge wären keine Flüchtlinge mehr, weil sie nun in Gaza oder sonst wo leben. So wie Jerusalem oder die Grenzfrage zählt auch die Flüchtlingsfrage zu den zentralen Problemen eines Friedensabkommens.

Solange es über den Status dieser Leute keine endgültige politische Einigung gibt, gelten sie laut den UNO-Resolutionen als Flüchtlinge. Wenn es einmal einen palästinensischen Staat gibt, stellt sich die Frage, was mit den Flüchtlingen geschehen soll: Sollen sie in diesem Staat leben dürfen oder gar das Rückkehrrecht in ihre alte Heimat in Israel bekommen? Oder sollen sie stattdessen Entschädigungszahlungen erhalten?

STANDARD:Welche Position vertritt die UNRWA?

AbuZayd: Wir sind eine humanitäre Organisation, die Fragen muss die Politik beantworten. Ich denke aber, die Flüchtlinge brauchen eine Wahlmöglichkeit. Bis man ihnen diese nicht gibt, weiß man ja nicht was herauskommt. Wenn sie heute die Palästinenser fragen, was sie wollen, antworten die meisten, das Rückkehrrecht in ihre alte Heimat nach Israel.

Sie wollen die Anerkennung, dass ihnen Unrecht getan wurde. Viele der Alten träumen von einer Rückkehr, und auch viele junge Palästinenser denken daran. Wenn man dann aber konkret fragt, ob sie auch Hebräisch lernen wollen und in der israelischen Armee dienen würden, überlegen es sich viele schon anders. (DER STANDARD, Printausgabe, 9.12.2005)

Zur Person

Die US-Amerikanerin Koning AbuZayd ist Islamwissenschafterin und leitet seit Juni 2005 das UN-Hilfswerk UNRWA für die vier Millionen palästinensischen Flüchtlinge.

  • Weiter Flüchtlingsbegriff: UNRWA-Chefin Karen AbuZayd.
    foto: urban

    Weiter Flüchtlingsbegriff: UNRWA-Chefin Karen AbuZayd.

Share if you care.