Möbel zum Glauben

26. Dezember 2005, 12:50
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Wer Kruzifixe verkauft, hat mit Stil, aber nicht mit Mode zu tun. Doch Kitsch und Kunst liegen oft nahe beisammen. Von Thomas Rottenberg

Frau Tschida mag den Kardinal. Und das liegt nicht nur daran, dass sie, wie sie betont, vor und mit einem katholischen Hintergrund aufgewachsen ist: Frau Tschida mag den Kardinal, weil er ein paar Dinge so sieht wie sie: Als Christoph Schönborn einst bei Walburg Tschida vorbeikam, entwich ihm - erzählt Frau Tschida - angesichts einer Gruppe tönerner Engelsfiguren das Wort "Kitsch". Oder etwas ähnlich Abwertendes. Und weil Frau Tschida das ebenso sieht, wuchs ihr der Kardinal ans Herz. Weil Übereinstimmung Freude macht.

Freilich wechselte der Kardinal nach diesem Intermezzo wieder die Straßenseite - hinüber zum Stephansdom. Frau Tschida aber verkauft, auf ihrer Straßenseite, weiterhin tönerne Engel.

Die Tonengel sind ein Grenzfall ...

Obwohl: Walburg Tschidas Arbeitsplatz nur über naiv-kitschige Tonengerln zu definieren wäre so korrekt, wie anhand der Bettler vor dem Stephansdom auf das Innere der Kirche zu schließen. Denn gegen Kitsch & Tand, betonen die vier Damen, die in "Kunst und Kirche", dem christlich-liturgischen Laien-Ausstatter neben dem Dom, arbeiten, verwahren sie sich. So gut es geht: Die Tonengel sind ein Grenzfall - aber aus 3-D-Karten zwinkernde Heilande oder in Schneekugeln eingekerkerte Madonnen findet man hier "sicher nicht" (Tschida). Und von anderen Klassikern des klerikalen Souvenirkitschs hat man hier noch nicht einmal gehört. Etwa vom Papst, der in einem Kugelschreiber vor dem Panorama des Petersplatzes der Schwerkraft folgend hin- und herdüst.

All das, erklärt Frau Tschida, sei nicht notwendig: Der Bedarf an regulärem Glaubensinventar genüge, um den Laden am Brummen zu halten: Kreuze, Rosenkränze, Heiligenbilder, Amulette, Kerzen, Krippen, Heiligenfiguren, Weihwasserbehälter und Rosenkränze in allen Preis-, Größen-, Stil-und Materialkategorien stehen, hängen und liegen dicht an dicht: Vom billigen Blechhänger um einen bis zur hüfthohen, handgeschnitzten, blattvergoldeten Barockmadonna um tausende Euro reicht das Spektrum - aber ums Geld, betont Frau Tschida, gehe es den Kunden nicht. Nicht in erster Linie.

"Wir verkaufen Dinge, die man nicht braucht, aber will", ...

... da glaubt Frau Tschida den Unterschied zwischen ihrem (sie ist, betont sie, hier "nur" Verkäuferin) und anderen Geschäften zu erkennen. Aber der wahre Unterschied zum devoten Kauf von Objekten ohne klerikal fundiertes Backing liegt in Wirklichkeit mehr in der "Haltbarkeit" des Angebotenen. Die Wand mit den Kruzifixen etwa ist - wiewohl der Absatz stagniert - von Zeitgeist, Design oder Mode unberührt: Das Grundelement jedes Herrgottswinkels gibt es schlicht oder geschnörkelt, geschnitzt, gefräst oder genagelt, gegossen oder gebogen, mit und ohne Gekreuzigten, hell bis dunkel und von keltisch bis modern in 1001 Versionen. Trotzdem bleibt das Sortiment gleich. Über Jahre. Weil Religionsmöblierung anderen ästhetischen Gesetzen gehorcht als denen von Wallpaper & Co.

Doch just deshalb überrascht die Vielfalt im Monothematischen: Geschnitzte, barocke Engelsköpfe sehen immer gleich aus - außer man hängt ein paar hundert nebeneinander. Für Krippen gilt das genauso. Oder für Heiligenfiguren. Oder für Kommunionskerzen.

Erstkommunionslisten und Taufausstattung

Obwohl: Hier, also wenn es um die Erstkommunion geht, spürt auch der Devotionalienhandel den Zeitgeist. "Kunst und Kirche" bietet "Erstkommunionslisten" an. Als Geschenkliste und als Service. "Man merkt, dass weniger Leute zur Erstkommunion gehen", seufzt Frau Tschida. Seltsamerweise gelte das bei der Taufausstattung nicht: "Alle jammern von Taufrückgängen - aber Taufkerzen gehen bei uns wie warme Semmeln."

Wie es die Kundschaft wirklich mit der Religion hält? Ganz auf der weltlichen Nudelsuppe, betont Frau Tschida, ist man ja auch nicht dahergeschwommen: Wenn Teenager verstärkt Rosenkränze kaufen, weiß man, dass das mehr mit MTV als mit Reevangelisierung zu tun hat. Und dass allerlei buntes Volk hier Schnellzünderkohle (vulgo "Weihrauchkohle") kauft, liegt daran, "dass man die für Wasserpfeifen braucht - und sie im Esoterikladen ein Vielfaches kostet".

Manchmal wird es aber dann auch den Kreuzverkäufern vom Stephansplatz zu viel: "Wenn Leute zu uns kommen, die sagen, sie suchen ein Kruzifix für eine schwarze Messe oder andere okkulte Riten, bitten wir sie zu gehen. Aber das ist - zum Glück - erst ein Mal geschehen." (DER STANDARD, RONDO/9/12/2005)


Kunst & Kirche, Stephansplatz 6, 1010 Wien
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    Religionsmöblierung hat immer Saison. Vom Krippenfigürchen über Engerln bis hin zu Kruzifixen reicht das Angebot, das vom Zeitgeist weit gehend unberührt bleibt.

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