Der amerikanische Freund

30. Dezember 2005, 08:34
50 Postings

Eine indirekte Antwort an die Verfechter einer rigorosen "Mit uns nicht!"-Haltung Österreichs und der Europäischen Union im Streit um die grenzüberschreitenden Anti-Terror-Strategien der US-Regierung - Kommentar der anderen von Alois Mock

Der bekannte französische Autor Jean-Fran¸cois Revel schreibt in seinem viel beachteten Buch "Die anti-amerikanische Besessenheit": "Das Mysterium des Anti-Amerikanismus besteht nicht in Desinformation an sich, sondern im bewussten Willen, desinformiert sein zu wollen."

Das mag etwas provokant ausgedrückt sein. Als ehemaliger österreichischer Außenminister zähle ich mich persönlich, im Gegensatz dazu, aber zu jenen, die von der Notwendigkeit, ja Unverzichtbarkeit, guter, partnerschaftlicher und respektvoller Beziehungen zu den Vereinigten Staaten überzeugt sind. Gerade im Jahr des 50. Staatsvertragsjubiläums sollten wir nicht vergessen, was die Carepakete, die einigen von uns nach 1945 das Überleben sicherten, und die großzügige Marshallplan-Hilfe damals für uns bedeuteten.

Transatlantische Partnerschaft ...

Wir sollten auch gerade als Österreicher nicht vergessen, dass es in der Zeit des Kalten Krieges keineswegs unsere so lieb gewonnene Neutralität war, die uns unsere feste Verankerung in der westlichen Welt sicherte, sondern vor allem die geballte Macht Amerikas, die dem sowjetischen Bären Einhalt gebot.

Diese geballte Macht Amerikas ist es, die uns auch heute jenes Mindestmaß an Sicherheit bietet, das wir für uns selbst in Europa noch nicht ausreichend gewährleisten können.

Natürlich mögen zuweilen durchaus berechtigte Meinungsverschiedenheiten die tiefen, uns verbindenden Beziehungen trüben. Dann sollten wir diese aber im Geist des gegenseitigen Vertrauens, des Dialogs und des partnerschaftlichen Respekts austragen. Für beide Seiten wäre es fatal, das Einschlagen eines Keils zwischen uns zuzulassen. Wer das anstrebt, bringt sein eigenes und damit unser aller Boot zum Sinken.

Warum ist diese Partnerschaft so essenziell? Da ist einmal unsere kulturelle und geistesgeschichtliche Verbindung, die stärker ist als mit jeder anderen Region dieser Welt - immerhin findet sich der Geist der europäischen Aufklärung in der amerikanischen Verfassung wieder.

Wir mögen vielleicht einzelne Aspekte unserer Wertesysteme unterschiedlich gewichten, aber es ist unbestritten, dass wir insgesamt ein ähnliches Verständnis gemeinsamer Grundwerte - wie repräsentative Demokratie, Rechtsstaat, Menschenrechte (ja, auch Menschenrechte!) oder Marktwirtschaft - teilen.

Wie tief unsere seelische Verbundenheit trotz aller Meinungsverschiedenheiten ist, zeigte sich wohl am deutlichsten an dem Schreckenstag des 11. September 2001, an dem jeder Einzelne von uns dies-und jenseits des Atlantiks instinktiv spürte, dass wir hier alle in einem Boot sitzen und einer zerstörerischen Bedrohung ausgesetzt sind, die alles bisher Dagewesene in den Schatten stellt. Nur gemeinsam können wir dieser tödlichen Bedrohung durch den globalen Terrorismus begegnen. Sind wir denn mit unserem europäischen Rechtsverständnis gegen derartige Gefahren wirklich ausreichend gewappnet?

Uns verbindet auch die enorm enge wirtschaftliche Verflechtung. Mit einem Handelsvolumen im Wert von rund zwei Milliarden Dollar pro Tag sind die europäisch-amerikanischen Wirtschaftsbeziehungen die umfassendsten der Welt. Sowohl europäische als auch amerikanische Unternehmen investieren in die Wirtschaft der jeweils anderen Seite mehr als in den gesamten Rest der Welt zusammen. Unzählige Arbeitsplätze werden dadurch geschaffen.

Wussten Sie, dass in 45 von 50 US-Bundesstaaten europäische Firmen die größten Auslandsinvestoren sind? Oder dass Europa in Texas allein mehr investiert als sämtliche amerikanische Investitionen in Japan betragen? Und dass die USA für Österreich der wichtigste Überseemarkt sind? Wollen wir das alles aufs Spiel setzen?

... nicht leichtfertig aufs Spiel setzen!

Last, but not least verbinden uns die neuen Bedrohungen, denen wir auf beiden Seiten des Atlantiks in gleicher Weise ins Auge blicken müssen: Terrorismus, organisierte Kriminalität, illegale Migration, um nur einige zu nennen. Man male sich nur das mögliche Ausmaß der Zerstörung aus, wenn es fanatischen Terroristen, die alles daran setzen, den Tod einer größtmöglichen Zahl unschuldiger Menschen zu verursachen, gelänge, Massenvernichtungswaffen in die Hände zu bekommen!

Die Menschen in Europa mögen diese Bedrohung vielleicht nicht so direkt und hautnah wie die Amerikaner nach 9/11 empfinden, sie ist dennoch für uns alle um nichts weniger real.

Angesichts dieser Gefährdungen, denen die westliche Welt ausgesetzt ist, und der Vielzahl von Gemeinsamkeiten und Verbindungen zwischen Europa und den USA plädiere ich daher für eine Stärkung der transatlantischen Partnerschaft. Wir müssen den Blick nach vorn richten. Denn nur in gemeinsamer, intensiver Anstrengung wird es möglich sein, die globalen Bedrohungen von unseren Bürgern fern zu halten. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 9.12.2005)

"Mr. EU" Alois Mock (Jahrgang 1934) war von 1987-95 Außenminister der Republik.
  • "Mr. EU" Alois Mock (Jahrgang 1934) war von 1987-95 
Außenminister der Republik.
    foto: corn

    "Mr. EU" Alois Mock (Jahrgang 1934) war von 1987-95 Außenminister der Republik.

Share if you care.