Die wunderbare Welt der Wertungen

13. Dezember 2005, 13:05
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Geschmack ist nicht objektivierbar. Auch wenn man alle möglichen tauglichen und untauglichen Systeme entwickelt hat, um möglichst große Objektivität zu erzielen

Niemand lässt sich gerne kritisieren. Und es ist nicht fein, wenn ein Wein von dem, der oder den Wertenden nur wenige Punkte erhält. Solche Rankings, Tests und Listen sind quasi die in Kurzform - sprich in Zahlen, Trauben, Gläser oder was es sonst noch so gibt - gegossene Kritik an einem Produkt, in das ein Winzer mehr oder weniger Herzblut hineinlegt und es nach besten Wissen und Gewissen herstellt. Und dass Bewertungen auch nicht gerade wenig Einfluss auf Verkaufszahlen hat, ist allen Beteiligten ebenfalls bewusst.

Geschmack ist nicht objektivierbar. Auch wenn man alle möglichen tauglichen und untauglichen Systeme entwickelt hat, um möglichst große Objektivität zu erzielen. Darüber sollten sich sowohl Winzer, unter denen einige speziell hierzulande zur Dünnhäutigkeit neigen, als auch Weinfans im Klaren sein, die mit ihren säuberlich ausgeschnittenen Punktelisten in die Geschäfte schreiten, um die jeweiligen Sieger - und nur die - zu erwerben. Ohne sich den Freude des Probierens zu gönnen, denn das wurde erfolgreich delegiert.

Ob eine Wertung von einer Einzelperson stammt oder von einer Gruppe ist eine Frage des Konzepts, das man als Winzer wie auch als Konsument akzeptieren kann oder nicht. Und über das derjenige, der die Bewertungen liest, Bescheid wissen sollte. Für mich persönlich sind beispielsweise Blindbewertungen, in denen der Jury nicht bekannt ist, was ihr vorgesetzt wird, um vieles aussagekräftiger als „offene“ Proben, was aber den Spaß am Verkosten und Bewerten generell nicht schmälert. Aber bei aller angestrebten Objektivität und selbst wenn man als Juror weder Wein noch Produzenten kennt, wird man sich durch eine fesche Aufmachung - bewusst oder unbewusst - beeinflussen lassen. Wer noch nie einer reizvollen Frau, einem gut aussehenden Mann nachgeschaut hat, darf jetzt mit Steinen werfen.

Aber auch eine Blindverkostung ist wie jede Bewertung nicht mehr als eine Momentaufnahme. Und auch Juroren sind Menschen, daher nicht ganz fehlerfrei, und können einen schlechten Tag – oder eine schlechte Flasche - erwischen. Viel spannender ist die Beschreibung eines Weines, aus der man viel mehr ableiten kann als aus drei Trauben, aus 88 oder 16,4 Punkten. Und sollte man aus all den Listen dann den Schluss ziehen, dass hier oder dort etwas Probierenswertes zu finden ist, dann gehört man zu den wahren Bewertungs-Profis.

Luzia Schrampf

Die wöchentliche Kolumne befasst sich mit Phänomenen, Beobachtungen, Themen rund um das aktuelle Weingeschehen.

Die Themen ergeben sich aus eigenen Beobachtungen oder aus – so hoffe ich - den Postings und Diskussion unserer Userinnen und User
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