Interview: Hicke: "Bilanz positiv"

30. Dezember 2005, 11:02
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Aber bei Hütteldorfern war in den vergangenen dreieinhalb Jahren "nicht immer alles eitel Wonne" - Salzburg in Zukunft großer Gegner

Wien - Der künftige österreichische Fußball-Teamchef Josef Hickersberger hat am Mittwoch mit dem Heimspiel in der Champions League gegen Juventus Turin sein letztes Spiel in Wien auf der Rapid-Trainerbank absolviert. Schon vor seiner endgültigen Abschiedsvorstellung am kommenden Samstag im Meisterschaftsschlager auswärts gegen Red Bull Salzburg zog der Meistermacher nach dreieinhalb Jahren Grün-Weiß im APA-Interview Bilanz.

Wenn Sie Ihre Zeit als Rapid-Trainer Revue passieren lassen - was waren die Höhepunkte, was die Tiefpunkte in Wien-Hütteldorf?

Hickersberger: "Es hat zwei Höhepunkte gegeben. Zum einen der Meistertitel, weil er in einer Außenseiterrolle errungen wurde, zum anderen die Champions-League-Qualifikation, weil Lok Moskau weit höher als wir eingeschätzt wurde. Tiefpunkte gab es einige, vor allem zu Beginn, weil wir längere Zeit hinter den Ansprüchen von Rapid zurückgeblieben sind. Negative Höhepunkte waren auch die schweren Verletzungen von einigen Spielern im Meisterschaftsfinish und das verlorene Cup-Finale gegen die Austria. Es war eine Zeit, in der nicht immer alles eitel Wonne war, aber grundsätzlich ist meine Bilanz positiv, weil Rapid mittlerweile sportlich und wirtschaftlich konsolidiert ist."

Dabei gab es zu Beginn Ihrer Rapid-Zeit einige ablehnende Stimmen. War das ein Problem für Sie?

Hickersberger: "Nein, das ist normal, wenn man zuvor sieben Jahre lang in Ländern tätig war, von denen die meisten Österreicher nicht einmal wissen, wo sie liegen. Außerdem hatte ich mit Ausnahme der Qualifikation für die WM 1990 meine erfolgreichste Zeit als Spieler und Trainer im Ausland. Als die Fans im Stadion aber mit "Hicke"-Sprechchören begonnen haben, habe ich gespürt, dass ich einen Stimmungsumschwung erreicht habe."

Wie groß war der Anteil des Trainers an den jüngsten Erfolgen?

Hickersberger: "Den wesentlichsten Anteil am Titel hatten die Fans, weil es ihnen gelungen ist, eine Euphorie zu entfachen. Ich sage immer, der Anteil eines Trainers ist sowohl bei einem Erfolg als auch bei einem Misserfolg mit zehn Prozent zu beziffern. Das Wichtigste war für mich das Vertrauen des Präsidenten und der Respekt der Spieler - ohne Respekt gibt es keinen Erfolg."

Auch wenn Sie schon lange im Trainergeschäft tätig sind - haben Sie bei Rapid etwas dazugelernt?

Hickersberger: "Ich habe für mich die Gewissheit bekommen, dass man mit kontinuierlicher Arbeit mehr Erfolg haben kann als mit kurzfristigen Maßnahmen, etwa mit Trainerwechseln. Die wichtigste Erkenntnis ist, dass man mit weniger oft mehr erreichen kann."

Welche Ratschläge würden Sie Ihrem Nachfolger Georg Zellhofer geben?

Hickersberger: "Keine. Er hat bei mir immer ein offenes Ohr gefunden und wird immer ein offenes Ohr finden, wenn er will. Zellhofer ist ein großer Fachmann und hat sich schon in den vergangenen Jahren ein Bild von Rapid gemacht. Ich bin überzeugt, dass der Wechsel positive Impulse für den Verein, die Mannschaft und einzelne Spieler bringen wird."

Was kann Rapid in nächster Zeit noch erreichen?

Hickersberger: "Ich glaube, nach dem Rücktritt von Stronach bei der Austria wird ein Konkurrent nicht mehr über dieses finanzielle Übergewicht der vergangenen Jahre verfügen. Auch der GAK und Sturm müssen sparen. Daher sehe ich Red Bull Salzburg als großen Gegner der nächsten Jahre. Aber ich traue Rapid zu, sich als schärfster Liga-Rivale herauszukristallisieren. Doch Rapid gerät im Hinblick auf Salzburg in Gefahr, zu viel finanzielles Risiko zu nehmen und dann draufzuzahlen."

Vor allem bei Salzburg, aber auch bei anderen Klubs besteht die Gefahr, dass nicht allzu viel Österreicher eingesetzt werden. Wie beurteilen Sie diese Situation in Ihrer Funktion als künftiger Teamchef?

Hickersberger: "Natürlich gibt es von meiner Seite den Wunsch, dass möglichst viele Österreicher in der T-Mobile Bundesliga spielen. Aber mir ist die Problematik auch als Rapid-Trainer bewusst. In erster Linie zählt der Erfolg und nicht, wie viele Österreicher auf dem Rasen oder Spielbericht stehen. Jene Österreicher, die bei der EM spielen wollen, müssen sich bei ihren Vereinen durchsetzen, sonst sind sie einfach nicht gut genug für eine EM. Darunter verstehe ich aber nicht, dass Einer bei seinem Klub alle Spiele macht, sondern einen gewissen Prozentsatz. Denn Stammspieler sind heutzutage ohnehin nicht mehr elf, sondern 15 Kicker."

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    Josef Hickersberger gibt die letzten Autogramme als Rapid-Coach.

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