"Jesus blieb Zeit seines Lebens Jude"

14. Dezember 2005, 13:55
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Jüdische Theologin und Historikerin Lapide tritt gegen Vorurteile im Verhältnis zwischen Christen und Juden auf

Wien - Die jüdische Theologin und Historikerin Ruth Lapide hat gefordert, endlich mit den Vorurteil aufzuräumen, dass die Juden für den Tod Jesu verantwortlich gewesen seien. Jesus sei von den römischen Besatzern als Rebell verurteilt und gekreuzigt worden, sagte sie laut Kathpress am Dienstag in Wien. Da dies immer noch zu wenig bekannt sei, brauche es verstärkte Anstrengungen in Schule, Katechese und Predigt. Man müsse unter die Oberfläche der biblischen Texte blicken, fügte sie mit Blick auf das Neue Testament hinzu.

Beim Prozess gegen Jesus seien vor dem Palast des Pilatus auf Grund der Größe des Platzes nur etwa 200 Menschen versammelt gewesen. Diese repräsentierten keineswegs das gesamte jüdische Volk, aus dem vielmehr die meisten Freunde und Anhänger Jesu hervorgegangen seien. Aus heutiger Sicht müsse man sagen, dass Jesus unter den Juden mehr Freunde als Feinde gehabt habe. Ruth Lapide: "Die Juden haben Jesus nicht getötet, sondern hervorgebracht".

Erinnerung an ein Faktum

Für Ruth Lapide steht fest, dass Jesus "Zeit seines Lebens Jude blieb". Diese Tatsache sei im Laufe der Geschichte von Theologen immer wieder unter den Teppich gekehrt worden. Jesus sei nach jüdischem Gesetz acht Tage nach seiner Geburt zur Beschneidung in den Tempel gebracht worden. Im Lauf seines Lebens habe er an zahlreichen jüdischen Festen in Jerusalem teilgenommen. Die Botschaft Jesu habe das jüdische Gesetz nicht aufgehoben, sondern vertieft. Fast alle Personen im Umfeld Jesu seien auch Juden gewesen, so Lapide.

Lapide würdigte die Konzilserklärung "Nostra aetate", die vor 40 Jahren verabschiedet wurde, als Meilenstein in den Beziehungen zwischen Judentum und Christentum. Dieses Dokument habe "Tür und Tor für eine neue Ära der Verständigung geöffnet". Als besondere Förderer dieser Verständigung zwischen Christen und Juden hob Ruth Lapide die beiden Päpste Johannes XXIII. und Johannes Paul II. hervor. Aber auch bei Benedikt XVI. sehe sie eine Reihe von sehr hoffnungsvollen Zeichen, dass er den Dialog weiter fortsetzen und intensivieren wolle.

Die Rolle von Johannes Paul II.

Bei Johannes Paul II. ging Ruth Lapide auch auf dessen polnische Herkunft und den zu Jugendzeiten des späteren Papstes in Polen noch weit verbreiteten Antisemitismus ein. Umso bemerkenswerter seien die Schritte, die Johannes Paul II. im Laufe seines Pontifikats gesetzt hatte. Die jüdische Historikerin erinnerte unter anderem an den Besuch der Klagemauer in Jerusalem oder die politische Anerkennung Israels durch den Heiligen Stuhl. Wegweisend seien auch 1980 die damals Aufsehen erregenden Worte des Papstes an die deutschen Bischöfe gewesen: "Wer Jesus begegnet, begegnet dem Judentum".(APA)

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