Polizei übt Kritik an Politik: Randale war "soziale Revolte"

22. Dezember 2005, 18:53
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Nicht das Werk organisierter Banden - "Problem der Vorstädte vernachlässigt"

Paris - Die wochenlangen Unruhen in französischen Vorstädten im November waren nach Einschätzung der Polizei eine "soziale Revolte" und keineswegs das Werk organisierter Banden. Wichtigste Ursache der Gewaltausbrüche sei "die materielle Not der sozial Ausgegrenzten in den Armenvierteln", hieß es in einem Bericht des Sicherheitsdienstes der Polizei, aus dem die Tageszeitung "Le Parisien" (Mittwochsausgabe) zitierte.

Die Polizei geht in dem Bericht hart ins Gericht mit der Politik der französischen Regierung. "Frankreich sorgt sich in erster Linie um den Terror radikaler Islamisten und hat das komplexe Problem der Vorstädte vernachlässigt".

Innenminister Nicolas Sarkozy und Staatsanwälte hatten während der über zweiwöchigen Unruhen, bei denen über 9000 Fahrzeuge in Brand gesteckt wurden und ein Sachschaden von mindestens 250 Millionen Euro entstand, von "perfekt organisierten Banden" gesprochen. In dem Polizeibericht heißt es nun, die Gewaltausbrüche seien "ein Aufstand der Problemviertel ohne Führer und ohne Programm" gewesen. Es war auch keine Rede davon, dass radikale Islamisten die explosive Situation für ihre Zwecke missbraucht hätten.

"Die Jugendlichen in den Vorstädten haben sich viel mehr mit ihrer sozialen Notlage identifiziert als mit ihrer Herkunft", hieß es. "Diejenigen, die Busse, Geschäfte und Sporthallen in Brand gesteckt haben, fühlten sich von der Gesellschaft ungerecht behandelt und diskriminiert wegen ihrer Armut, ihrer Hautfarbe und ihrer ausländischen Namen".

Die Polizei befürchtet, dass diese Unruhen "bei einem geringfügigen Anlass wieder ausbrechen können" und warnte vor allem vor den Sylvesterfeiern zum Jahreswechsel, wo brennende Autos in Frankreich bereits zur Tradition geworden sind. Ähnliche Befürchtungen scheint auch die Regierung zu haben, die Mitte November, als die Gewalt bereits abflaute, das Notstandsrecht um drei Monate verlängerte. So können zum Jahreswechsel Ausgangssperren verhängt werden, um in den Vorstädten für Ruhe zu sorgen.

Begonnen hatten die Krawalle am 27. Oktober in Clichy-sous-Bois bei Paris, als zwei Jugendliche starben, die sich von der Polizei verfolgt glaubten. Sie hatten sich in einem Transformator-Häuschen versteckt und tödliche Stromstöße erlitten. (APA/dpa)

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