Das Adventkalendertrauma

8. Dezember 2005, 20:50
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Das Nichtauffinden des richtigen Türchens lässt verheerende Kindheitserinnerungen wieder auferstehen...

Es war heute. Da saß Kollege K. über seinem Adventkalender und war den Tränen nahe. Und das, sagte er, sei schlimm. Weniger wegen der Schokolade-Entzugserscheinungen die ihn traditionell ab dem zweiten Adventtag quälen, sobald er einen Adventkalender sieht, als wegen der Erinnerung: Irgendwann, sagt Kollege K., habe er geglaubt, dass das wie mit den Pickeln sei. Nämlich, dass es aufhöre. (Dass die Mär vom Ende der Pickel auch nur eine Lüge ist, hat er mittlerweile verwunden – aber das ist eine andere Geschichte.)

Aber Schnecken: Alle Jahre wieder sitze er, gestand uns K., mindestens einmal pro Advent über seinem Adventkalender und spüre die Anflüge jener Verzweiflung und jenes panikartigen Gefühles, von der Welt verraten worden zu sein: Weil er das Türchen mit dem aktuellen Tag, der aktuellen Schokolade und dem aktuellen Bildchen nicht fand. Oder findet.

Kindheitstrauma

Als Kind, gestand Kollege K., sei das noch schrecklicher gewesen. Weil seine Geschwister natürlich nie Probleme beim Finden ihrer Türchen gehabt hätten (dass das so nicht stimmt, will er in diesen Augenblicken nicht hören. Aber irgendwann einmal hat er uns doch davon erzählt, wie er damals seine Schwester verhöhnte, wenn sie – die Fünfjährige mit ersten Zahlenlesekenntnissen – in Tränen vor dem Christkinderwartungs-Schaukasten stand.) Und ihn verlacht hätten. Ihm manchmal dann sogar die Schokolade weggenommen hätten. Und das, sagt K., habe ihn geprägt.

Sobald er in der Pubertät gewesen sei, habe er Weihnachten verweigert. Nicht nur, aber auch wegen des Kalendertraumas. Später, als Halberwachsener, hat er dann ideologische Gründe vorgeschützt. Aber da war, sagt K., und das wisse er eben erst heute, immer auch die unterschwellige Angst vor dem Versagen vor dem Kalender.

Überwindung

Als er dann, nun endgültig erwachsen und als Journalist mitten im Erwerbsleben stehend, eines Tages einen Adventkalender per Post zugeschickt bekommen hatte, habe er geglaubt, über den Dingen zu stehen. Und mit ironisch-distanzierter Reife machte er sich daran, den Kalender leer zu essen. Vorschriftsmäßig: Jeden Tag das Türchen, das die Kalendermacher ihm zugedacht hatten.

Doch schon am dritten Tag sei das Unglück über ihn hereingebrochen. Wie eine schwarze Wolke: Der dritte Dezember war unauffindbar. Und obwohl er zuerst noch versucht hatte, die Erinnerungswelle wegzulachen, sei von da an der Verdacht, auf seinem Kalender könne ein böser Geist das Türchen zum Tag weggehext haben und deswegen werde er es nie schaffen, richtig und regelkonform bis zum 24. Dezember zu kommen, was unweigerlich den Entfall von Weihnachten und den Ausfall sämtlicher Geschenke (nicht nur heuer, sondern für alle Zukunft) für ihn (und zwar nur für ihn) zur Folge haben würde, wie ein böser Spuk in seinem Kopf gewesen.

System

Natürlich, sagt K., habe er den dritten Dezember dann doch noch gefunden. Durch systematisches Suchen. Aber heute, am sechsten, sei es wieder passiert. Und das Faszinierende, sagt K., sei, dass er mittlerweile wisse. Dass er mit dieser Angst nicht alleine sei. Dass viele, sehr viele, Kinder jeden Alters mit diesem Adventkalendertrauma leben.

Aber das, sagt K., brächte ihn nun auf eine Idee: Er wird ins Adventkalendergeschäft einsteigen. Sowohl in das für gute, als auch in das für böse Adventkalender: Bei den guten wir er eine Finde-den-Tag-Schablone beilegen. Und bei den bösen wird ein Tag fehlen – vermutlich einer zwischen dem 18. und dem 22. Weil das Scheitern so knapp vor dem Ziel ja noch viel, viel schlimmer sei.

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