Geschichte und Geschichten

11. Dezember 2005, 17:27
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Am Freitag geht in Seattle die siebte "Red Bull Music Academy" zu Ende: Ein Lokalaugenschein

... bei dieser Veranstaltung im Zeichen der Club-Music, die - trotz ihres Marketingcharakters - nichts falsch zu machen scheint.


Betritt man die Räumlichkeiten der Red Bull Music Academy in Seattle, denkt man kaum an etwas "Akademisches". Sofas, Polster, Kaffeemaschine, Kraftkracherl und jede Menge Leute, die es gemütlich haben. Mani Ameri, den Erfinder dieser durch die Welt ziehenden "Lehranstalt", freut das: "Hier arbeiten sehr viele Leute, aber die meisten wirken, als wären sie im Urlaub. So stell ich mir das vor. Wir versuchen hier eine Atmosphäre zu schaffen, in der jeder, die Teilnehmer wie die Vortragenden, zu sich selbst finden kann."

Gemütlichkeit verströmt auch der 32-jährige Deutsche selbst. Ein bisschen erinnert er an einen milde gestimmten Tony Soprano. Doch auch wenn es auf den ersten Blick hier nicht nach Arbeit aussieht, bedeutet das nicht, dass deshalb eines der vielen Studios, die hier angeboten werden, tatsächlich frei wäre. Manche Teilnehmer haben die ganze Nacht mit dem Produzieren von Musik verbracht. Nicht alle Resultate klingen dabei gleich grenzgenial, wie ein eher bescheiden gemischter HipHop-Track, der wenig originell auf Michael Jacksons Beat It basiert, lautstark beweist. Genialität lässt sich nicht erlernen, Handwerk schon.

Chronist der Geschehnisse

Das ist zugleich eine Hälfte des Angebots dieser Academy. Die Musik, die hier Thema ist, wird von den neuesten Trends und Vertretern der Clubkultur jährlich upgedatet. Ohne Trendsetterstress versteht sich die Academy als Chronist der Geschehnisse. 1999 in Berlin erstmals ausgetragen, gastiert sie jährlich in einer anderen Stadt, infiltriert behutsam die jeweiligen Clubmusikszenen, lädt deren Protagonisten zum Partizipieren ein und öffnet schließlich für rund 60 DJs und Produzenten aus aller Welt für zwei kurze, je zwei Wochen dauernde "Semester" ihre Pforten. Ameri: "Mit dem Niveau der Teilnehmer veränderte sich unser Angebot. Zuerst waren es einfach zwei Plattenspieler, an denen DJs zugange waren. Das war's. Heute sind die Studios tatsächlich als solche in Betrieb. Hier wird produziert. Viele Teilnehmer kommen mit halbfertigem Material hierher und versuchen es, im Austausch mit anderen und teilweise unter der Hilfestellung unserer Vortragenden, fertig zu stellen."

Diese Vortragenden kommen aus allen Bereichen des Business. Mit etwas Glück findet sich also ein Nachwuchs-House-Produzent plötzlich im Studio mit Larry Heard wieder, einer diesbezüglichen Gottheit. Mit ihm kann man dann Klartext sprechen - so man den Text versteht: Die Eigenheiten verschiedener Drum- Machines und Synthies werden erläutert, Keyboards zerlegt, Sounds in die Laptops eingespielt, Samples geloopt und wieder verworfen, das Hi-Hat so abgemischt, dass es endlich funky klingt, Kompressoren beklagt oder gelobt, Fachtermini mit Ruf-oder Fragezeichen versehen, der Bass bis zum Anschlag hochgefahren und anschließend darüber geweint, dass der Sound trotzdem noch nicht fett genug klingt - das volle Programm. So geht das stunden-, manchmal eben nächtelang. Bringt es das? "Definitiv", meint Monishia Schoeman, eine Produzentin aus Südafrika. "Ich nehme aus diesen Workshops ebenso viel mit wie aus den Vorträgen."

Seele des Programms

Diese zweiten Hälfte des Angebots ist zugleich die Seele des Programms. Ameri: "Die Musik und das Handwerk stehen den Vorträgen zwar zeitlich betrachtet gleich bedeutend gegenüber. Aber wichtig ist halt auch, was die Teilnehmer auf ganz persönlicher Ebene lernen." Dazu sind die moderierten Vorträge der eingeladenen Stars wie geschaffen. Diese räumen mit vielen Klischees und Irrtümern auf. Larry Heard erzählt von seiner Abneigung gegen Fremdsamples ("Respektlosigkeit"), spricht über Burn-out-Symptome und erzählt von den Umarmungsversuchen der Musikindustrie, als er in den 80er-Jahren plötzlich mit billigen, in seiner Garage auf alten Kassetten aufgenommenen Tracks millionenschwere Top-Ten-Produktionen überholte. Ein anderer Vortragender ist James "Jimmy" Douglass. Douglass ist ein legendärer Studio-Engineer, der in den Atlantic-Studios in New York gelernt und gearbeitet und dort schon als Teenager mit Led Zeppelin, Aretha Franklin oder Donny Hathaway aufgenommen hat. Er gilt als einer der Großen im Business und betreibt gemeinsam mit Starproduzent Timbaland ein Studio, in das Leute wie Missy Elliott, Justin Timberlake oder Bubba Sparxxx ihr Geld tragen, wenn sie ihre Beats einkaufen gehen.

Douglass erzählt Storys aus seiner Biografie, spricht über Fehlentscheidungen und Triumphe. Er erklärt seinen persönlichen Produktionszugang und bekommt immer noch große Augen, wenn er seine Gefühle beschreibt, die ihn überkommen, wenn er hinter der Studioglaswand sitzt, während auf der anderen Seite Jimmy Page ein Solo spielt oder Aretha oder Missy Elliott scheinbar nur für ihn singen.

So werden Geschichten, so wird Geschichte erzählt. Kaum ein Vortrag ist je wirklich langweilig. Ameri: "Wir versuchen hier, einen Funken loszusetzen. Der springt bei jedem Teilnehmer in einem anderen Workshop über. Hauptsache, er springt überhaupt. Wenn uns das gelingt, dann ist das unser Erfolg."

Eine gemeinsame Leidenschaft

Erstmals ausgetragen wurde die Red Bull Music Academy 1999 in Berlin als reine DJ-Musik-Veranstaltung. Es folgten die Stationen Dublin, New York (wegen 9/11 vorzeitig abgebrochen), Sao Paulo, London, Kapstadt, und heuer gastierte sie in Seattle. Eingeladen werden jedes Jahr zweimal rund 30 Interessierte, die je zwei Wochen lang an der Academy teilnehmen. Die Entscheidung, wer zu den Glücklichen zählt, fällt durch eine Vorausscheidung, die ein eingesandtes Mixtape sowie einen ergänzenden Fragebogen zur Grundlage haben. Trotz seines Wesens als Marketing-Veranstaltung genießt die Academy mittlerweile auch bei sehr kritischen Künstlern und Geistern eine ausgezeichnete Reputation, was gerade dem Niveau der vortragenden Gäste höchst zuträglich ist.

Im Laufe der Jahre ist ein Netzwerk entstanden, zu dem unter anderem die rund 500 ehemaligen Teilnehmer und an die 400 Vortragende zählen. Organisiert wird die Academy von einem kleinen Team, zu dessen Kern Torsten Schmidt, Christopher Romberg und Mani Ameri (Foto) zählen. Ziel der Academy ist es nicht, fertige Produkte oder gar Stars zu generieren, sondern eine Basis aus Wissen und Handwerk für eine gemeinsame Leidenschaft zu schaffen: jene zur Clubkultur, zu ihren aktuellen Protagonisten sowie ihren historischen Zubringern. Die Academy 2006 findet - wahrscheinlich - in Melbourne statt. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 9.12.2005)

Von Karl Fluch

Link

redbullmusicacademy.com
  • Artikelbild
    foto: red bull academy
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