Was ist ein Engel?

26. Dezember 2005, 12:50
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Vor allem zur Weihnachtszeit regiert die christliche Symbol- und Bildersprache an allen Ecken und Enden

Alle Jahre wieder, und jedes Jahr ein paar Tage früher, wird die große Weihnachtsmarketing- maschinerie angeworfen. Bereits im goldenen Oktober begegnet man unverhofft Nikolaus und Krampus in den Vitrinen - obwohl die in früheren süßen Jahren der Besinnlichkeit stets erst im Dezember Auftritt hatten - Sterne und Lichtelein senken sich sodann in Einkaufsstraßen herab, und weihnachtliche Melodeien quälen das Volk allerorten in Geschäften und Lokalen.

Ohne Kerzen, Kreuze, Kränze läuft in dieser umsatzträchtigsten Saison des Jahres gar nichts, doch bald, bald ist es wieder vorbei, und der Wahnsinn darf mit Erleichterung in die Umtauschphase übergehen.

Das Fest der Christenheit ist der überkandidelte Höhepunkt, die obszön gewordene Orgie christlicher Bilder-und Symbolsprache, der, bei genauer Betrachtung, auch abseits der Weihnachtszeit kaum einer auskommt. Tatsächlich leben wir inmitten von Symbolen und mythologischen Bildern, deren Herkunft, Inhalt und Sinn jedoch unter den Staubschichten der Zeit verborgen bleibt.

Der US-amerikanische Religionswissenschafter und Mythenforscher Joseph Campbell (1904-1987) meinte dazu in einem Interview: "Wir sind umgeben von zerschlagenen, aufgelösten Mythologien. Wir stehen, wie ich es nenne, auf einer Endmoräne zerriebener mythischer Systeme, die der Gesellschaft einst Struktur gegeben haben. Das ist allenthalben wahrzunehmen."

Wir, zum Beispiel, leben immer noch in Katholien, keine Frage. Die Kirche hat auch die gebaute und designte Umwelt stärker geprägt, als man meinen wollte. Im Kern unserer alten Städte stehen die Gotteshäuser, der Bischofssitz, das Kloster. Die Speckgürtel wurden später umgeschnallt, natürlich in verschiedenen Schichten.

Herrgottswinkel und Ewiges Licht

Nicht nur in alten Häusern gibt es über dem Esstisch den Herrgottswinkel und das Ewige Licht, und, was den Tisch selbst angeht, so heißt die Querstrebe zwischen den Tischbeinen hier zu Lande gemeinhin "Vergeltsgott", weil die Füße dankenswerterweise auf den Brettern traditionell wärmer aufgehoben waren als auf dem Fußboden.

In den Schulklassen hängen, nicht überall, aber fast, Kreuze gleich neben der Tafel, dem ungemütlichsten Ort der Prüfung. Und noch nie wurde laut die Frage erhoben, warum eigentlich einzig und allein die Pfarrer am Sonntag - in aller Herrgottsfrüh, versteht sich - einen Lärm veranstalten dürfen, der jedem gewöhnlichen Sterblichen Ruhestörungsklagen eintrüge.

Wer das Pech hat, neben einer Kirche seine Behausung gefunden zu haben, den beutelt Gottes Ruf glockentönend gehörig aus den Federn des Müßigganges. Dass der als sündig gilt, weiß man, wir müssen an dieser Stelle jedoch bei Design und öffentlichem Auftritt, sozusagen der Corporate Identity der großen, alten Gesellschaft der katholischen Kirche, bleiben.

Gerade zu Weihnachten durchdringt ihre Symbolsprache alle Lebensbereiche - dass sich die oft aus älteren Quellen speist, ist bekannt. In dem vorzüglichen Buch "Die vergessene Bildersprache Christlicher Kunst" (Verlag C.H. Beck, München, 1981) nehmen die Autoren Heinrich und Margarethe Schmidt ihre Leser mit auf eine Reise durch die Tier-, Engel- und Mariensymbolik. Sie meinen: "Viele Besucher von Museen, Ausstellungen und Kirchen sehen sich heute alte Kunstwerke an und freuen sich an ihrer Schönheit. Sie lassen sich anrühren, besitzen vielleicht auch kunstgeschichtliche Informationen, aber den Zugang zum Inneren eines Bildes, zu seinem verborgenen Sinn, finden sie nicht."

Engel-, Marien- und Lämmerdarstellungen

Geht es nach Joseph Campbell, täte man gut daran, all diese in ihrem Sinn erstarrten Engel-, Marien- und Lämmerdarstellungen, die es bis auf Abfallprodukte wie Geschenkpapierdesigns geschafft haben, rein interessehalber auf ihre eigentliche Bedeutung zu überprüfen. Die Bildersprache der Bibel sei älteren Mythologien entnommen, meinte er: "Sie wurde vereinnahmt und einer starr und aggressiv patriarchalischen Ordnung angepasst. In diesem Symbolebasteln und Geschichtenerzählen ist unschwer eine regelrechte Verführungskampagne zu erkennen, der Versuch, den Menschen das Weibliche auszureden und das Männliche einzureden."

Fazit: "Die Spielregeln ändern sich erkennbar. Sollten sie je gänzlich in sich zusammenfallen, wird das ein echter Sieg über den patriarchalischen Provinzialismus unserer Vergangenheit sein, ein Sieg für eine menschengerechtere Zukunft, zu dem es kommt, wenn die mythologische Imagination wieder erwacht und zentrale Symbole sich entsprechend wandeln."
(Ute Woltron/Der Standard/rondo/09/12/2005)

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