Ordnung macht gute Laune

9. Dezember 2005, 16:40
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Und wer nicht Nein sagen kann, der kann auch bei der nächsten Versuchung nicht Ja sagen

Die Eitelkeit, meint D, ist die zweitstärkste Energiequelle nach der Sonne, aber in der sonnenlosen Adventszeit würde ich dieses Ranking hinterfragen. Jetzt ist auch die Zeit des Aufräumens, man schreibt Rechnungen, zahlt Rechnungen und ärgert sich, dass man von den angesammelten Mahngebühren sich die Nase hätte vergolden können.

Man erledigt, was zu erledigen ist, und wenn man so schön beim Haufen-Abtragen ist, fühlt man sich so richtig in Stimmung, auch sinnlos gewordene Verhältnisse zu entsorgen. Ordnung macht gute Laune. Also ein feinsäuberlicher Schnitt, weil Sie wissen ja: Wer nicht Nein sagen kann, der kann auch bei der nächsten Versuchung nicht Ja sagen.

Wer also nun einen geordneten Rückzug vorbereitet, der merkt, dass das anstrengend ist. Es ist hart, anderer Leute Gefühle zu verletzten, vor allem, wenn der andere keine hat. Man selber hat ja auch keine. Das wäre ja noch zu ertragen. Ärger ist, dass man keine Lust mehr hat auf Sex. Und am Allerschlimmsten ist, dass man gut dastehen will. - Diese entsetzliche Eitelkeit schon wieder! Andere Leute sind Tratschtanten, und Geschichten über hässliche Trennungen behält keiner für sich. Ich hab noch nie eine Geschichte über eine hässliche Trennung für mich behalten. Den Rückzug der Grande Armée aus Moskau verglich Tolstoi mit dem Affen, der in einen Krug voll Rosinen greift - und als er die volle Hand aus dem Krug ziehen will, merkt er, dass die Öffnung des Kruges zu eng ist. Anstatt die Rosinen fallen zu lassen, krampft sich die Hand immer fester um die Beute - der Affe ist gefangen, und hat weder Freiheit noch Rosinen.

Wer bei einer Trennung die Selbstachtung wahren will, trennt sich nicht. Wenn man aber dem anderen Wahrheiten über dessen Charakter ins Gesicht schleudert, so führt das in der Regel nur dazu, dass man sich selber vorwerfen muss, sich so lange mit einem Dummhals beschäftigt zu haben. Gift für die Eitelkeit. Jahrelang hatte ich deshalb die Taktik, den anderen so lange zu langweilen, bis er von selbst geht. Aber dazu braucht es Monate. Und in drei Wochen ist Neujahr!

Ihre Cosima Reif, Zufallskolumnistin
(Der Standard/rondo/9/12/2005)

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