Rekordergebnisse dank russischer Klientel

13. Dezember 2005, 12:23
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Privatiers kaufen die eigene Geschichte

London - Was andere Experten wenige Stunden vor einer Auktion zur Verzweiflung bringen würde, gehört bei russischer Kunst zur Tagesordnung: "Weder liegen Kaufaufträge vor, noch haben sich Bieter eine Telefonleitung reserviert", schildert Angela Baillou, Chefin der Christie's-Repräsentanz in Wien. Erst bei der Auktion geht es dann zur Sache, fehlt oft sogar die Zeit, Bieternummern zu verteilen. So geschehen am 30. November, als Christie's in London 300 Kunstwerke in den Sektionen angewandter und bildender Kunst verteilte.

Am Ende des Tages hatte sich die Kauflust des Publikums auf den Rekord von knapp 32 Millionen Euro summiert: 30 Prozent der Käufer waren russischer Nationalität und die Briten mit 23 Prozent bzw. die Amerikaner mit einem Prozent in klarer Minderheit. Den höchsten Zuschlag bei angewandter Kunst erteilte man dem Handel für einen vergoldeten Silberteller mit Emailmalerei bei 153.600, entgegen den taxierten 30.000 bis 50.000 Pfund.

In der Gemäldesektion begeisterte Boris Mikhailovichs lasziv auf einem Diwan ausgestreckte Odaliske (1919) einen anonymen Käufer bis zu 1,68 Millionen Pfund (rund 2,45 Millionen Euro). Erstmals hatte Christie's im November vergangenen Jahres die Ein-Million-Pfund-Schallmauer durchbrochen, als man für Ivan Konstantinovich Aivasovskiis Darstellung von St. Isaac den Rekordpreis von 1,12 Millionen Pfund erzielte. Die Connections zu Russland - sie reichen bis in das 18. Jahrhundert zurück und werden seit zehn Jahren über die Christie's-Repräsentantin Anna Belorusova ausgebaut - machten sich bezahlt: Verdoppelung des Umsatzes von 2004 auf 2005. Bei Sotheby's zog man nach, eröffnete heuer eine Repräsentanz in Moskau und steigerte den Umsatz von 50 Millionen Dollar 2004 auf etwa 100 Millionen in der laufenden Saison. Das Besondere an der am 1. Dezember abgehaltenen Auktion: Sieben der zehn Topzuschläge verdankt man russischen Privatiers, darunter mit 2,13 Millionen Pfund den Künstlerrekord für ein Stillleben von Ilya Mashkov, gefolgt von 1,52 Millionen, die für ein Paar imperialer Porzellanvasen hingeblättert wurden.

Das fulminante Gesamtergebnis: 22,24 Millionen Pfund. Einer der Nebeneffekte steigender Umsatzzahlen: Erste Anzeichen einer weniger restriktiven Exportpolitik sind bemerkbar. Dort, wo im vergangenen Jahr im Rahmen einer Kunstmesse nur Reservierungen, aber keine Verkäufe abgewickelt werden durften, erteilte man für ein 1931 entstandenes Gemälde von Piotr Petrovich Konchalovsky die Ausfuhrgenehmigung. Im Mai wurde die Hafenansicht von Ryazan bei Sotheby's für brutto 72.000 Pfund versteigert.

Und hier zu Lande? Im Dorotheum verzeichnet man steigendes Interesse seitens russischer Bieter, die man vor allem mit Gemälden des 19. Jahrhunderts, Silber sowie Glas und Porzellan versorgt. Kunstwerke russischer Provenienz sind in der Minderheit. 1999/2000 hatte man im Palais noch eine eigene Sparte geführt, 2001 wurde diese stillgelegt. Derzeit gäbe es laut Geschäftsführung keine konkreten Expansionspläne - bloß eine Kontaktadresse würde man der russischen Klientel 2006 bieten können. (kron/DER STANDARD, Printausgabe, 07./08.12.2005)

  • Ilya Mashkovs Stillleben brachte Sotheby's mit 3,11 Millionen Euro das Siebenfache des Schätzwertes.
    foto: sotheby's

    Ilya Mashkovs Stillleben brachte Sotheby's mit 3,11 Millionen Euro das Siebenfache des Schätzwertes.

  • Bei Christie's war dem Kunsthandel dieses silbervergoldete und emaillierte Präsentations-stück fast 224.000 Euro wert.
    foto: christie's

    Bei Christie's war dem Kunsthandel dieses silbervergoldete und emaillierte Präsentations-stück fast 224.000 Euro wert.

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