Kopf des Tages: David Cameron - Ein Snob, der von Mitgefühl spricht

20. Dezember 2005, 15:53
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Man weiß nicht, wofür er steht, alles was man über den neuen Tory-Vorsitzenden weiß, ist, dass er ein "nice guy" ist

Man weiß nicht, wofür er steht, ob er für Europa ist oder dagegen, ob er die britischen Truppen aus dem Irak abziehen will, die Steuern erhöhen oder senken. Alles, was man über David Cameron weiß, ist, dass er ein "nice guy" ist, einer, den fürsorgliche Mütter gern zum Schwiegersohn hätten, nett, höflich, nie auf Streit aus, jedenfalls nicht vor laufenden Kameras.

Seit Dienstag ist er der neue Vorsitzende der Konservativen, mit 39 ein Grünschnabel, zumal für eine Partei, die sich rühmt, die älteste der westlichen Welt zu sein. Die Ortsvereine, die in der Endausscheidung zu entscheiden hatten, wählten Cameron mit so klarer Mehrheit ins Amt, dass sich David Davis, sein Rivale, ein Law-and-Order-Mann alter Schule, förmlich deklassiert fühlen musste. Zu sehr sehnten sich die Tories nach einem frischen Gesicht, nach jemandem, den englische Zeitungen schon zum Messias verklären, nach einem Wunderknaben, der sie aus ihrem Jammertal erlösen soll.

Erst seit vier Jahren sitzt Cameron auf einem der grün gepolsterten Sitze im Unterhaus, eher unauffällig als bildungspolitischer Sprecher der Opposition. So kann man ihn schlecht für die Fehler der direkten Erben Maggie Thatchers verantwortlich machen, für eine Politik, die Krankenhäuser und Eisenbahnen kaputtsparte – Blair brauchte die Misere nur ins Gedächtnis zu rufen, schon lief vielen Wählern ein Schauer über den Rücken. Cameron spricht von Mitgefühl und Herz. Von der Eisernen Lady und ihrem unbeschränkten Individualismus grenzt er sich ab. "Es gibt sehr wohl so etwas wie Gesellschaft, es gibt ein Wir und nicht nur ein Ich", sagt er.

Das klingt nett, aber auch ein wenig aufgesetzt, denn im Grunde ist der aufstrebende Star ein von Geburt an Privilegierter, ein typischer Toff, wie die Briten die Jüngelchen ihrer Oberschicht nennen. Sein Vater machte als Börsenmakler ein sattes Vermögen, er hat am Elitegymnasium Eton gelernt und standesgemäß die Tochter eines Aristokraten geheiratet – der Stammbaum seiner Gattin Samantha reicht immerhin bis zu König Charles II. zurück. In Oxford war Cameron im Bullingdon Club eingetragen, einer feuchtfröhlichen Runde, die merkwürdige Rituale pflegt. Einmal sperrten dort volltrunkene Studiosi einen Zechbruder in eine transportable Toilette, die sie unter Gejohle einen Hügel hinabrollten.

Doch während sich andere Upperclass-Snobs abseits der rituellen Besäufnisse so steif bewegen, als hätten sie einen Stockschirm verschluckt, ist Cameron die Lockerheit in Person. Und dabei wirkt er so frei von ideologischem Ballast, als sei er rein zufällig bei den Tories gelandet. Glaubwürdig ist Cameron auch in der Rolle des sorgenden Vaters: Sein dreijähriger Sohn, eines seiner zwei Kinder, ist schwer behindert. (DER STANDARD, Frank Herrmann, Printausgabe. 7.12.2005)

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